Es ist ein Irrglaube zu denken, dass nur wenig intelligente Menschen in die Fänge von
Scientology geraten. Studien zeigen auf, dass Intelligenz und Rationalität nicht unbedingt
in Zusammenhang stehen. Großes Wissen zu besitzen ist keine Garantie, nicht den gleichen
irrationalen Argumenten anheimzufallen, wie es weniger intelligente Menschen tun.
Tatsächlich sind kluge Köpfe sogar mehr anfälliger, da höhere Intelligenz ein falsches
Sicherheitsgefühl geben kann. Des Weiteren zeigen Publikationen auf, je smarter eine
Person ist, desto wahrscheinlicher schenkt sie Vertrauen. Menschen vertrauen von Natur
aus, denn es ist entwicklungsmäßig der vorteilhaftere Weg und jene die mehr Vertrauen,
bringen mehr zustande. Und diejenigen, die mehr Vertrauen werden zum idealen,
wenngleich unwissentlichen, Spielball von Schwindel und Betrug.           

Scientology lockt nichtsahnende Personen aus allen Gesellschaftsschichten - darunter auch
intelligente Menschen - in ihren Betrug hinein, in dem Gefühle und Autorität angesprochen
werden. In der Hauptsache werden emotionale Probleme einer Person ausgenutzt.

Aus zwei Gründen versucht Scientology möglichst gebildete, talentierte und aus gutem
Haus kommende Menschen anzuwerben.


· Erstens sind viele von ihnen idealistisch und sich ihrer Sozialität bewusst. Sie
möchten die Welt positiv verändern und dadurch die Welt zu einem besseren Ort
machen und arbeiten daher unermüdlich für die Sache. Scientology lauert guten
Menschen auf, weil sie wissen, dass dieser Typ Mensch über Jahre hin missbraucht
werden kann und sich bei Ausstiegsgedanken schuldig fühlen wird.

· Zweitens bedeutet höhere Bildung in der Regel auch ein höheres Einkommen, das
von Scientology abgeschöpft werden kann und je erfolgreicher ein Mensch ist, desto
mehr Einfluss kann er für Scientology geltend machen. Hoch angesehene Personen in
Schlüsselpositionen verschaffen überdies ein gutes Image und Achtung, und sind
somit für Scientology enorm wertvoll, um die Gesellschaft in ihrem Sinn beeinflussen
zu können.


Wie kann es nun sein, dass scheinbar rationale Menschen den haarsträubenden Konzepten
und unerfüllbaren Versprechungen von Scientology jahrelang, wenn nicht jahrzehntelang,
hinterherjagen? Weshalb werden selbst intelligente, akademisch gebildete Mitbürger zu
Erfüllungsgehilfen solchen Humbugs? Mit dem verrückten Glauben, den Menschenrechts-
verletzungen und den geldgierigen Praktiken, die überall im Internet und in Büchern
nachzulesen sind, warum sollte sich jemand mit Scientology einlassen? Für jeden, der
halbwegs klar bei Verstand und in der Lage ist, eine Google-Suche über Scientology zu
starten, stellt sich die Frage, wie man sich von Scientology übertölpeln lassen kann?

Der Anwerbeprozess von Scientology beruht in hohem Maße auf zwei Trugschlüssen, auf
die viele Menschen leicht hereinfallen: Das Ansprechen von Emotionen und Autorität.

Das Ansprechen der Emotionen bedeutet, dass für die Überzeugungsarbeit wenig bis keine
Fakten und Beweise verwendet werden, sondern der Person gesagt wird, dass wenn sich
irgendetwas gut und richtig anfühlt, es wahr sein muss.

Das Ansprechen der Autorität bedeutet, dass eine Person die Aussagen oder Referenzen
von jemand als richtig oder vermutlich richtig hält, weil sie basierend auf dem
selbstsicherem Auftreten, der festen Stimme, dem Wissen, der Ausbildung, dem
Hintergrund oder der Erfahrung des Gegenübers überzeugt wird, dass diese Äußerungen
stimmen.

Sehr oft geht eine Verstrickung in Scientology mit einer Situation in einem
Übergangszustand oder einer Lebenskrise einher. Wenn wir zum Beispiel nicht in einer
Partnerbeziehung, einem Beruf oder einem sonstigen wichtigen Lebensbereich engagiert
oder darin sehr unzufrieden sind. Bei einer Ablehnung einer Bewerbung für einen Studien-
oder Ausbildungsplatz. Verlust oder Enttäuschung. Auf der Suche nach Hilfe für emotionale
Belastungen.

Jedoch auch andere soziale Ursachen, wie die Sehnsucht nach Anerkennung, nach
Zuwendung, Zusammenhalt, Gemeinschaft, nach Aufwertung der eigenen Persönlichkeit
oder eine neue, emotionale Heimat zu finden, die man vorher nicht hatte.

Eine deprimierte und vorübergehend sozial nicht eingebundene Person geht eher auf die
Angebote eines Werbers ein, besonders dann, wenn das Angebot persönliche Interessen
anspricht. Schwindel und Betrug gedeihen in Zeiten des Übergangs und schnellen Wandels,
wenn neue Dinge passieren und alte Sichtweisen nicht mehr ausreichen. Bauernfänger
lieben nichts mehr, als das Gefühl des Unbehagens oder der Unsicherheit von Menschen
auszubeuten, wenn sich die Welt, wie man sie kennt, verändert. Wir mögen zwar umsichtig
an der Vergangenheit festhalten, aber wir finden uns auch offen für neue und nicht ganz
erwartete Dinge. Dieser Zustand erschüttert alte Denkmuster und öffnet die Person für
eine Reihe von neuen Angewohnheiten.

Diese emotionale Verwundbarkeit wird von Scientology jedoch auch absichtlich vom ersten
Augenblick an erzeugt, verstärkt und ausgenutzt.

Ist der Kontakt erst einmal hergestellt,
egal ob auf der Straße oder direkt in
einem Gebäude von Scientology, dreht
sich die meiste Konversation um die Person:
Wer ist sie? Was ist ihr Hintergrund? Was ist
ihr Beruf? Dabei erhält Scientology
nicht nur Informationen über die Person,
sie halten dabei auch Ausschau, ob ein
potenziell zahlender Kunde ihnen
gegenüber steht oder nicht. Ist die Person
zahlungsunfähig, arbeitslos oder hat
offensichtlich psychische Probleme, dann
wird ihr in der Regel so schnell wie möglich
die Tür gezeigt.

Scientology präsentiert sich in der Öffentlichkeit unter verschiedenen Verkleidungen.
Einmal als eine Religion, ein anderes Mal als eine humanitäre Gruppe, über eine
anwendbare Philosophie bis hin zu einer Wissenschaft. Sie sagen das, was auch immer
ihren Zielen im bestimmten Moment nützlich ist. Die Präsentation im öffentlichen Raum ist
zwar unterschiedlich, der Sinn und Zweck aber immer gleich: durch Ansprache neugierig
machen auf eine Idee, auf sich selbst oder auf die Möglichkeit der Lösung gesellschaftlicher
Probleme. Allerdings um mehr zu erfahren, ist ein weiteres Einlassen notwendig.

Nicht selten wird die Person zu Beginn des Kontaktes gefragt, was sie über Scientology
weiß bzw. schon gehört hat. Dahinter steckt der Gedanke herauszufinden, ob die Person
eine vorgefasste Meinung hat, Informationen aus dem Internet besitzt oder ihr schon
Negatives über Scientology untergekommen ist. Ziel von Scientology ist es, der Person
sofort allfällige Bedenken zu nehmen und sie dahingehend zu überzeugen, dass alles
Gehörte über Scientology nicht stimme.

Bei einem Besuch, in einem Gebäude von Scientology, findet man sich von lächelnden
Personen umgeben, die einen freundlichen Umgangston pflegen. Scientology-Mitarbeiter
(Staff Member) an vorderster Front wissen für gewöhnlich genau was sie tun, wirken sehr
warmherzig, einladend und vermitteln ein glückliches Bild, damit alle anderen unbedingt
daran teilhaben möchten. Das Gespräch mit einem Mitarbeiter ist in der Regel ruhig,
freundlich und sehr verständnisvoll. Sie reden mit einer ungewöhnlichen Gewissheit, dass
sie die Situation vollkommen verstehen und exakt wissen was man zu tun hat.

Es gibt keine blauen Flecken oder Narben, niemand prügelt und jeder scheint sehr glücklich
zu sein. Auch der Missbrauch und der Menschenhandel, der vorwiegend in den höheren
Stufen von Scientology vor sich geht, ist auf dieser lokaler Ebene nicht zu sehen. An dieser
Stelle, mit all diesen selbstsicheren und attraktiven Menschen, ist es sehr leicht, jede
gelesene oder gehörte Information über den psychischen und physischen Missbrauch von
Scientology abzuschütteln. »Ich hab noch niemals etwas über Aliens gehört« oder
»Menschen schreiben alles im Internet. Leute, die voller Hass sind, werden immer ein
Hassobjekt finden«, wirken in dieser Umgebung sehr glaubhaft.

Der Grund warum Scientology-Mitarbeiter all das mit unbewegter Miene erklären können
ist jener, weil sie für gewöhnlich die Wahrheit aus ihren eigenen Erfahrungen sagen. Das
meiste Personal hat noch niemals von »Xenu« gehört, noch von dem abstrusen Science-
Fiction-Stoff, da diese Informationen geheim gehalten werden und nur für die höchsten
Stufen von Scientology reserviert sind. Es kostet einige hunderttausend Euro und viele
Jahre, bevor einem Anhänger die Geschichte über den bösen galaktischen Herrscher
namens Xenu aufgetischt wird. Anhänger recherchieren dieses Thema auch nicht im
Internet oder lesen kritische Berichte über Scientology. Ein weiterer Aspekt von totaler
Bewusstseinskontrolle. Sie bringen ihre Anhänger zu dem Glauben, dass wenn sie
Scientology im Internet nachforschen, dann zerstöre das ihre Chance auf ewige Freiheit.

Erst mal im Gebäude angekommen, will Scientology normalerweise, dass ein
Persönlichkeitstest absolviert wird. Dieser taucht in verschiedenen Farben und unter
verschiedenen Namen auf, hat aber immer den gleichen Inhalt. Hier beginnt das
Ansprechen der Autorität einzusetzen. Scientology bezeichnet diesen Test als »Oxford
Capacity Analysis« (OCA), obwohl dieser niemals etwas mit der renommierten Universität
in Oxford zu tun hatte. Es soll einen vermeintlich wissenschaftlichen Hinergrund vermitteln
und darüber hinaus Seriosität. Dieser berüchtigte 200-Fragen-Test soll verborgene Stärken
und Schwächen zum Vorschein bringen. Obwohl er noch von keiner akademischen
Institution für gültig oder aussagekräftig erklärt wurde, erhält die Person nun Schwarz auf
Weiß ihre Lebenskurve gezeigt, die leider immer nach unten weist und ihm Defizite bis hin
zur Selbstmordgefahr bescheinigt.

Scientology verwendet den OCA-Test als
primäres Mittel, um einer Person einen
Kurs oder eine andere Dienstleistung
zu verkaufen. Nach der Auswertung
wird mit einem Mitarbeiter das Resultat
durchgegangen. Der springende Punkt
dabei ist, dass sich die Person öffnet
und erzählt, worum es ihr geht und was
sie ändern oder verbessern möchte.
Da die Person nun schon Zeit aufge-
wendet hat in die Organisation zu gehen
und den Test zu machen, hat sie bereits
so viel investiert, dass es psychologisch
betrachtet kaum noch einen Weg zurück
gibt und sie möchte nun mehr über sich
erfahren, und an diesem Punkt beginnen
Menschen sich zu öffnen und zu erzählen.

Scientology will erreichen, dass sich die Person verändern oder verbessern möchte und
lenkt sie direkt zu ihrem »Ruin« - eine vermeintliche Schwachstelle, die das Leben
zerstört, womit sich die Person öffnet. Welche Ergebnisse die Testperson erzielte, spielt
dabei überhaupt keine Rolle, wichtig ist nur, dass sie private Probleme offenbart, an die
der Auswerter anknüpfen kann. Gewissermaßen eine Destabilisierung des Selbstgefühls
der Person. »Was macht Dein Leben kaputt?« »Was möchtest du an Dir ändern?« Die
Antworten darauf bezeichnet Scientology als »Ruin«. Sehr wenige Menschen hätten auf
diese Fragen keine Antwort. Jeder ist sich seiner Schwächen, Ungewissheiten und Ängste
bewusst.

Hier ist der Moment für den Anwerber passend und er bringt die Person so weit, bis diese
über diesen unheilvollen Ruin erzählt, oder der Mitarbeiter nimmt einen an, bis die Person
übereinstimmt und sie mit »Scientology kann Ihnen dabei helfen!« konfrontiert wird.
Scientology verspricht jedem alles - dem Künstler Kreativität, dem Suchenden geistige
Erkenntnis, dem Ehrgeizigen Karriere, dem Gierigen Reichtum und dem Emporkömmling
Macht. In ihrem Katalog der Möglichkeiten bietet Scientology sogar die Unsterblichkeit feil,
genauer gesagt, die Vorstellung von Unsterblichkeit. Und wie praktisch, man befindet sich
schon im Gebäude, in dem diese Wunder vollbracht werden.

Es ist leicht vorzustellen wie die Sache weitergeht, wenn dem Werber eine Person
gegenübersitzt, die schon lange Zeit, oder bereits das ganze Leben mit diesem oder jenem
Problem nicht zurecht kam, keine Idee hatte wo die Hebel anzusetzen sind und plötzlich
liegt vor ihr die vermeintliche Lösung. Die angebotene Lebenshilfe annehmen oder sich
weiter das Leben vermasseln lassen?

Wenn ein Mensch Hilfe benötigt, dann muss er auch jemand vertrauen. Und wenn man
Scientology vertraut, dann werden sie erzählen, dass die Antworten auf Probleme gänzlich
von L. Ron Hubbard gelöst werden - durch wissenschaftliche Mittel und mit universeller
Anwendbarkeit. Auch wenn nichts von dem der Wahrheit entspricht, aber es hört sich in
diesem Moment gut an.

Außerdem setzt hier mit der Reziprozitätsregel eine weitere Manipulationstechnik ein.
Diese Regel besagt, dass wir uns bemühen sollen, anderen zurückzugeben, was wir von
ihnen bekommen haben. Wenn uns jemand einen Gefallen tut, sollten wir ihm auch einen
tun. Scientology offeriert den Persönlichkeitstest, den Stresstest oder Vorträge stets mit
dem Hinweis »Kostenlos« oder »Beitragsfrei«. Umgelegt bedeutete es hier: Wenn Sie von
einer Gruppe eine kostenlose Dienstleistung und ihre Zeit in Anspruch nehmen, dann
bekommen Sie das Gefühl, etwas schuldig zu sein. Wie wäre es also, wenn Sie sich zu
einem Kurs einschreiben? Oder mit dem Kauf eines »Bestsellers« als Gegenleistung? Zumal
Sie die anwerbende Person binnen weniger Minuten auch noch sympathisch finden?
Scientology setzt hier nicht nur die Reziprozitätsregel ein, um jemanden dazu zu bringen,
etwas Bestimmtes zu tun, sondern weitere Waffen der Einflussnahme.

Bei dem Bestseller handelt es sich um das Buch »Dianetik: Der Leitfaden für den
menschlichen Verstand«. Bestseller-Etiketten legen uns nahe, dass dahinter eine hohe
Nachfrage und auch besondere Qualität steht. Damit brauch Scientology Sie nicht mehr von
seinen Vorzügen überzeugen: es reicht zu sagen, dass viele andere davon überzeugt sind,
und das scheint Beweis genug zu sein. Was Sie aber nicht gesagt bekommen, ist, dass eine
begrenzte Anhängerzahl dieses Buch massenweise gekauft hat, um es auf die
Bestsellerliste zu bekommen.

Außerdem spielt das Wort »Affinität« in Scientology eine gewichtige Rolle. Kaum
jemanden wird es überraschen, dass wir den Bitten solcher Leute, die wir kennen und
mögen, regelhaft am ehesten nachkommen; wir mögen Leute, die uns ähnlich sind -
oftmals ohne uns dessen bewusst zu sein. Auf diese Weise kann der Anwerber eine
vorgetäuschte Verbundenheit und Ähnlichkeit mit in die Verkaufssituation hineinspielen,
mit jenen Informationen, die Sie ihm im Persönlichkeits- oder Stresstest offen
preisgegeben haben.

Hat der Anwerber alles richtig gemacht hat,
dann hat er die Person in einem emotional
verletzlichen Moment erwischt und sie hat
Vertrauen und eine Verbindung zum
Mitarbeiter aufgebaut, der diese Beurteilung
über sie macht. Hier wird Emotion und
Autorität angesprochen, womit die Person
das Vorgebrachte als Tatsache akzeptiert.

Ob es Probleme in der
zwischenmenschlichen
Kommunikation sind, in der Ehe,
mit beruflicher Leistung,
Ängstlichkeit, eine chronisch
unerklärliche Krankheit oder
eine Depression - es gibt immer
eine Lösung die Scientology
anbieten wird und das mit dem
Versprechen, alles zum Besseren
zu verändern. Zweifelsohne lernt
die Person bei der »Lösung« nur
seine emotionalen Bezüge
einfach auszuschalten, anstatt
sie wirklich zu bewältigen.

Scientology-Anwerber sind darauf
trainiert, nach einem bestimmten
Schema vorzugehen. Dabei soll
zuerst der vermeintliche »Ruinpunkt«
gefunden werden, um der Person ein
Buch oder eine Dienstleistung
schmackhaft zu machen. Wird
vorsätzlich Ermutigung mittels
Love-Bombing (mit Liebe überschütten)
hinzugefügt, findet man eine sehr
empfängliche Person vor.

Für gewöhnlich wird dann von einem Scientology-Mitarbeiter ein Kurs oder eine Serie von
Beratungsgesprächen offeriert, um dem Problem oder dieser Angelegenheit Herr zu
werden, oder das sich die Person besser fühlen lässt. Was die meisten Menschen nicht
wissen: Sie haben es mit professionellen Verkäufern und Anwerbern zu tun, die Tantiemen
erhalten; Außenstehende selbst gelten als »Raw Meat«, rohes Fleisch. Auch dass
Scientology im Stil eines Franchisesystems organisiert ist, indem jeder Aspekt von
Scientology mit Copyright und Trademark belegte ist, wissen nur wenige.

Die »Notwendigkeit zur Veränderung« ist nun nachdrücklich fixiert, egal was das Problem
ist. Es soll nun ohne weiteres durch erste billige Kurse gelöst werden. Die meisten
Einführungskurse und Basisdienstleistungen beruhen auf den Prinzipien des gesunden
Menschenverstands, welche in einem solchen Weg neu formuliert wurden, dass sie sich als
großes revolutionäres Konzept anhören. Insbesondere durch die Schreibweise von L. Ron
Hubbard klingt es, als wäre er der Einzige, der all dieses Wissen und diese Entdeckungen
herausfinden hätte können, wo alle anderen brillanten Köpfe bisher gescheitert sind. Das
ist ebenfalls ein Teil der Indoktrination. Scientology beginnt schon zu Anfang die Person in
eine Denkweise zu bekommen, wo sie glauben soll, dass alles in Scientology original und
neu wäre und niemals zuvor entdeckt. Dass es die ganze Arbeit eines einzigen genialen
Mannes wäre und das jeder der dagegen ist oder Kritik übt es nur macht, weil er nicht will,
dass sich Menschen verbessern. 

Die ersten Kurse kosten wenig, vielleicht 50 oder 80 Euro und sind von allgemeinen Inhalt.
Es sind Kurse zur Verbesserung des Lebens, die sich mit allen Lebensbereichen befassen,
von Finanzen bis Familie. Wenn die Person darüber nachdenkt, dann könnte es ein guter
Deal werden, wenn man tatsächlich den Stress, die Sorgen oder die emotionalen
Belastungen und Blockaden, die schon so lange andauern, loswerden könnte.

Je stärker die Person in die Gruppe hineinwächst, desto teurer werden diese stufenartigen
Kurse. Jedes Mal, wenn ein Kurs abgeschlossen, oder eine höhere Stufe erreicht wird, wird
die Person aufgefordert, eine Erfolgsgeschichte zu schreiben, in der sie berichten soll, wie
wirksam das Training gewesen war oder welche »Gewinne« sie erzielt hat.

Das Verfassen von solchen Erfolgsgeschichte sieht an der Oberfläche absolut harmlos aus,
jedoch eignen sich solche schriftlichen Bekundungen gut als Mittel zur Veränderung von
Einstellungen und Verhaltensweisen. Außerdem gibt es überzeugende Belege dafür, dass
solche Bekenntnisse umso größere Auswirkungen haben, je mehr Kosten und Mühen mit
ihnen verbunden sind.

Los geht es meist mit einem Kommunikationskurs. Eine Übung in diesem Kurs, Scientology
nennt sie Trainingsroutinen, stellt eine einzigartige, offene Form der Hypnose dar. Von
allen rund 70 überhaupt bekannten Psychotechniken setzt Scientology fast 90 Prozent ein.
Eine Studie (Nedopil) verdeutlicht, dass neun der zehn bekannten »stark riskanten«
Psychotechniken zur Steuerung von Kommunikationsprozessen bei Scientology zum Einsatz
kommen, etwa Hypnose, Übungen mit unbeweglicher Körperhaltung und monotonen
Tätigkeiten.

So verlangt es bei der Trainingsroutine TR-0 des Kommunikationskurses zunächst sich Knie
an Knie gegenübersitzend, einem anderen stundenlang starr in die Augen zu starren, ohne
zurückzuweichen oder wegzuschauen. Wer auch nur blinzelt, erhält einen »Verweis« und
muss von vorne beginnen. Resultat sind lebhafte, berauschende
Bewusstseinsveränderungen. Dieses psychologische Phänomen ist der Wissenschaft
durchaus bekannt, jedoch kann diese ungewöhnliche und zeitgleich fesselnde Erfahrung für
Menschen so überzeugend wirken, um mehr Scientology-Kurse zu kaufen.

Ebenfalls zum Kommunikationskurs gehört eine Trainingsroutine namens »TR-0 Bullbait«
(die Bullenhetze, das Reizen). Dabei wird versucht, auf alle erdenkliche Weise eine
Reaktion zu provozieren. Der Kursteilnehmer soll möglichst keine Emotion oder Reaktion
zeigen, egal, womit er konfrontiert wird.

Den Befehl zu geben, zur Wand zu gehen. Schweigend nur dasitzen und sich in die Augen
starren. Seinen »Zwilling« lautstark zu beleidigen, oder einem Aschenbecher Befehle
zubrüllen. All diese stundenlagen Übungen sind gemäß Scientology dazu gedacht,
»Preclears« kommunkationsstärker werden zu lassen, doch im Grunde wird man immer
mehr wie ein Roboter. Reaktionen werden automatisiert, Interaktionen werden
gleichförmiger und alles, was gesagt wird, folgt einem Script. Abstumpfung und
Gefühlskälte sind das schleichende Ergebnis.   

Personen, die den Einführungskurs kaufen, haben in der Regel nicht die leiseste Ahnung,
was an finanziellen Kosten und zeitlichem Aufwand auf sie zukommt und wie sich ihre
Beziehung zu Familie und Freunden ändern wird, wenn sie mit Scientology weiter
fortfahren. Wer auf der »Brücke zur völligen Freiheit« aufsteigen will, hat für seine
Seminare, Trainingsroutinen und Rundowns mit immensen Ausgaben zu rechnen, von
denen er beim Eintritt in die Sekte nicht das Geringste ahnt. Ebenso wenig wissen sie im
Vorhinein etwas über die Auswirkungen auf ihr Denken, ihre Gefühle und ihre Gesundheit.
Bei Scientology werden sehr viele Krankheiten psychosomatischer Natur gesehen und
sollten durch »Auditing« geheilt werden; Medikamente werden mit Argwohn betrachtet.  

Es kommt zu schwerwiegenden Veränderungen der Persönlichkeit, dass man sich von Frau
und Kindern trennt, die Familie im Stich lässt, sein Studium aufgibt, die eigene Firma
ruiniert, etc. Sobald die Leute eingewickelt sind und Scientology ihr Vermögen teilweise
oder ganz übereignet haben, geraten sie in erschreckende Abhängigkeit.

Einmal für einer Idee festgelegt oder engagiert, neigen wir dazu sie auszuschlachten, bis
wir keine Kraft oder Lust mehr haben. Bei Scientology kann das ein ganzes Leben dauern.
Obwohl es das System Scientology ist, dass das Ausschlachten übernimmt und die Person
ausbeutet. Es ist die Macht des Konsistenzprinzips - ein psychologischer Mechanismus. Hat
man erstmal die ersten 50 Euro zu einem Betrüger nach Nigeria geschickt, wird es viel
leichter eine Überweisung über weitere 200 Euro auszustellen. Wurde erstmal ein Kurs für
50 Euro bei Scientology gekauft, dann wird sich die Person oftmals nicht lumpen lassen,
einige Tausende Euros für anderes Service auszugeben. Entgegen der Versprechung, wird
der Kommunikationskurs keine Probleme beheben, aber so funktioniert Commitment und
Konsistenz.

So funktioniert der Schwindel Scientology auf den unteren Ebenen. Das ist der Haken, mit
dem Menschen eingefangen werden. Auch jene, die es vielleicht besser wissen sollten.
Grundlegende menschliche Eigenschaften und Bedürfnisse sind es, die Scientology
ausnutzt.

Erstmal als einfaches Mitglied (public) offiziell aufgenommen und ein Stück weit im Netz
verstrickt, endet die »Honeymoon-Phase« und das Klima wird rauer und fordernder. Wer
Scientology praktiziert, steht unter einem enormen finanziellen Druck. Scientology ist mit
ihren Geldforderungen und Spendenaufrufen unerbittlich; zum Geldmachen gehört bei
Scientology vor allem auch die Ausbeutung der eigenen Mitarbeiter.

Das einzelne Mitglied soll immer das Gefühl haben, zu wenig für die Sache zu tun oder zu
wenig Einsatz zu bringen. Dieses latente schlechte Gewissen führt zum Beispiel dazu, dass
man auch bereit ist tief in die Taschen zu greifen, um dieses Schuldgefühl einfach zu
verlieren. Wenn etwas funktioniert, dann nur wegen Scientology.

Wenn jedoch etwas nicht funktioniert, dann ist das einzelne Mitglied selbst schuld, weil
die »Technologie« perfekt ist. Die Lösung wird noch mehr Service sein. Darunter fällt
»Auditing«, eine Art Gesprächstherapie an einem simplen Hautwiderstandsmessgerät
(E-Meter). Beim Auditing geht es darum, versteckte Belastungen, Stress oder Ängste auf
die Spur zu kommen und sie zu löschen. Bei diesen Sitzungen wird nur das genauer
besprochen, was der E-Meter anzeigt, auch wenn Sie sich gern etwas anderes von der
Seele reden möchten.

Es funktioniert aber nicht, traumatische Erlebnisse unter Zuhilfenahme dieses Gerätes zu
löschen - es findet lediglich ein Abstumpfungseffekt statt. Je öfter eine Person über ein
Problem redet, desto ruhiger wird sie innerlich und auch die Nadel am E-Meter. Aber das
innerliche Problem wird damit nicht gelöst. Es kann bei diesem Prozedere - durch
oftmaliges Erzählen - auch zu einer besonders schädlichen Retraumatisierung kommen.

Man erklärt sich Scientology mit Scientology und sitzt geistig fest. Scientology ist sehr
stark bei »dem Opfer die Schuld geben«. Wenn etwas Negatives im Leben passiert, dann
hat die Person es angezogen - sie selbst ist schuld. Ein Scientology-Anhänger ist für alles
Schlechte, das ihm widerfährt, selbst verantwortlich.

Langsam beginnt die Person herauszufinden, dass Scientology eine ganze Serie von Kursen
und Dienstleistungen für sie zugedacht hat. Einen nach dem nächsten, und jeder wird 
zunehmend teurer, aber angeblich auch mehr und mehr machtvoller. Dabei müssen
sukzessive rechtsgültige Verträge unterschrieben werden, womit Mitglieder ihrer
gesetzlichen Grundrechte beraubt werden und das ohne über die daraus resultierenden
Konsequenzen im Vorhinein informiert oder aufgeklärt zu werden. Diese Kontrakte sind
ausgeprägt einseitig und geben Scientology eine Machtposition, während der einzelne
Anhänger stark benachteiligt wird. Schon zu Beginn muss ein Neueinsteiger schriftlich
zustimmen, Scientology als Religion anzuerkennen. Mit weiteren Verträgen gibt ein
Mitglied seine Rechte auf wie Scientology zu verklagen, sich von einem Anwalt in einer
Rechtssache gegen Scientology vertreten zu lassen, getätigte Geldspenden
zurückzufordern oder jemals die eigene Akte (zum Beispiel über die gesammelten
Protokolle aus den Auditingsitzungen) zu lesen, überprüfen oder diese sich anzueignen.
Somit werden sämtliche Streitigkeiten einem bindenden, internen Schiedsgericht
zugeführt, das die rechtlichen Interessen von Scientology beschützt, und gleichzeitig die
Ansprüche und den Schutz eines Anhängers auslöscht.

Mitglieder sind in Scientology extremer Beeinflussung ausgesetzt, um zu sagen, dass
Scientology immer funktioniert. Alle werden schwören, dass Kurs X oder Programm Y
»funktioniert«. Dies geschieht durch den sozialen Druck, nicht als »Out-Ethik« (eine
Person, die out-ethisch ist, ist potenziell oder aktiv kriminell) gesehen zu werden, was
wiederum weitere Untersuchungen für die Person bedeuten würde. Somit ziehen Anhänger
die Möglichkeit gar nicht in Betracht, dass es in der Realität eigentlich gar nicht
funktioniert, oder sogar völliger Unsinn ist.

In Scientology wird der Wert eines Menschen über seine Produktivität gemäßen, und
infolgedessen über Statistik. Eine Person mit hoher Statistik (»upstat«) leistet viel Arbeit,
verdient viel Geld, beteiligt sich aktiv und finanziell (mit Spenden u. Kursen) an
Scientology. Eine Person mit niedriger Statistik (»downstat«) hingegen, ist von einem
Mitglied begonnen, das keine Fortschritte auf seiner »Brücke« macht, über jemand der
nicht genügend Arbeitsleistung produziert, bis hin zu einer obdachlosen Person, die auf der
Straße um Kleingeld bettelt.

L. Ron Hubbard hat niedergeschrieben, und seine Schriften sind für jeden Anhänger
bindend, dass wenn man Menschen mit hoher Statistik belohnt, auch Menschen mit hoher
Statistik erhält. Belohnt man hingegen niedrige Statistik und Nichtproduktion, erhält man
mehr vom Typus »downstat«. Scientology hat diese Dinge dahingehend pervertiert, dass
Anhänger den Bedürftigen, Notleidenden oder den Unglücklichen nicht helfen müssen.
Mitglieder schauen auf diese Menschen herab - sogar wenn diese Gruppenmitglieder sind.
Mitgefühl und Verständnis werden in Scientology fremde Konzepte; Nächstenliebe und
Solidarität gelten als Eigenschaften von Verlierern. Güte, Mitleid und Sorge für die weniger
Glücklichen von uns zu zeigen, erzeugt dementsprechend mehr »downstats«. Jeder ist sich
in Scientology selbst der Nächste und allein für seine Lebensumstände verantwortlich, ganz
gleich in welchem Alter.

Bei jedem weiteren Programm wird subtil in die gewünschte Richtung geschoben, bis
Scientology schließlich ihren Weg des Denkens etabliert haben. Zuerst als bessere
Alternative, und später als das normale Neue. Anhänger werden permanent mit der enorm
wichtigen Mission überzogen, durch Scientology den ganzen Planeten von Wahnsinn, Krieg
und Verbrechen zu befreien. Scientology zu »studieren«, wird somit auch wichtiger als
vieles andere. Scientology legt nicht viel Wert auf Schulbildung, sondern vielmehr darauf,
dass alle, auch Kinder, ihr Leben und Lernen ganz auf Scientology ausrichten.
Außenstehende werden als »Wog« bezeichnet - ein abwertende Bezeichnung für
unwissende und unaufgeklärte Menschen. Es geht immer mehr darum, für sein ewiges
Leben zu arbeiten, alles andere ist bloß Materialismus und Zeitverschwendung. Dass
Weiterkommen in Scientology wird viel wichtiger als alles, was im wirklichen Leben
danebengeht.

Vom Internet oder sonstigen Medien- oder Informationskanälen, die gegen Scientology
gerichtet sein könnten, soll man sich fernhalten. Man wird ständig davon abgehalten, auf
eigene Faust Nachforschungen über Scientology anzustellen, oder nach negativen
Meldungen über Scientology Ausschau zu halten. Wer sich Informationen über Scientology
verschafft, die nicht von Scientology kommen, muss sich Untersuchungen unterziehen. Er
muss sich fragen lassen, warum er auf anti-scientologische Links geklickt hat. Laut
ausgesprochene Bedenken und Kritik gegenüber Scientology, wird mit einer teuren
Sicherheitsüberprüfung abgestraft, die man selbst bezahlen muss. Fragen, Interesse und
kritisches Denken ist nichts, womit sich ein guter Anhänger befassen sollte.

Kritisiert ein Anhänger Scientology lautstark, oder beschwert sich offen, dass es nicht
funktioniert, dann werden gegen ihn Ermittlungen eingeleitet und er wird sehr rasch als
»unterdrückerische Person« gebrandmarkt, wodurch sämtliche scientologische
Familienangehörige und Freunde den Kontakt zu dem »Unterdrücker« abbrechen müssen.
Diese und viele weitere ständige Bedrohungen kontrollieren was ein Anhänger über
Scientology und die Anwendbarkeit äußert. Mitglieder riskieren somit nicht, aus
Scientology hinausgeworfen zu werden. Sie werden jeden ins Gesicht lügen, nur damit ihr
eigenes Leben nicht wie ein Kartenhaus einstürzt.

Will man nach einer Katastrophe Geld für eine Hilfsorganisation spenden, rät Scientology
ab. Wer den Opfern helfen will, soll das Geld lieber Scientology geben. In Scientology
niedrig angesehene Emotionen, wie etwa Mitleid zu zeigen, wird einem Verlust der
Kontrolle gleichgesetzt. Zudem wird systematisch dafür gesorgt, dass man den Kontakt zu
kritischen Angehörigen und Freunden beendet, sodass nur noch Scientology-Anhänger das
soziale Umfeld prägen. Auf dem »Weg zur totalen Freiheit« will man nicht gestoppt werden
- da nimmt man auch eine Trennung mit der Familie in Kauf. Alles dreht sich nur noch um
Scientology, um den nächsten Kurs, das nächste Auditing, wie man das alles finanzieren
will, etc. Auch wenn das eigene Leben vor den Augen in Trümmern geht, merkt man das
gar nicht, weil man so damit beschäftigt ist, all die Anerkennung, Bestätigung und
Zertifikate - die man in der wirklichen Welt vermutlich nie bekommen würde - von
Scientology entgegenzunehmen, die vermitteln, dass man vorwärtskommt.

Ohne Scientology würd das ganze Netz zusammenfallen, und das wäre eine Tragödie.
Aussteigen wird praktisch unmöglich, aus Angst, plötzlich ganz alleine dazustehen, seine
»Ewigkeit« zu verlieren, aus Schuldgefühlen usw. Die Kultur von Scientology durchdringt
jeden Aspekt des Lebens und zielt darauf ab, dass Leben eines Anhängers in jeder Hinsicht
unter dem Schirm von rücksichtsloser Kontrolle zu beeinflussen.

So wird der Neueinsteiger schrittweise zu einem Gefangenen, wenn er mit den Kursen, dem
Training und den Auditing-Sitzungen fortfährt. Aufsteigend mit den Stufen von Scientology
- von Pre-Clear, Clear, über OT1 zu OT8 - wird die Denkweise von Scientology geformt,
immer wieder bestätigt, stabilisiert und versiegelt, die sich als immun gegen Einwände
oder Zweifel versteht.

Menschen haben seelische und emotionale Bedürfnisse, welche nicht immer von Familie,
Freunden oder sogar von ausgebildeten Fachleuten erfüllt werden können. Niemand hat ein
perfektes Leben und wenn Menschen nach Antworten oder Problemlösungen suchen und
sie nicht finden, dann wenden sie sich manchmal sehr ungewöhnlichen Plätzen zu, um diese
zu erhalten. Im besten Fall steht in solch schwierigen Zeiten jemand bei. Aber dieses Glück
hat nicht jeder.

Scientology kann jeden treffen und es hat Auswirkungen auf das ganze Familiensystem.
Jeder kann in so ein Netzwerk reingeraten, sich immer weiter von der Familie wegbewegen
und somit ist die Frage nicht »Wie kann jemand nur so dumm sein?«, sondern: »Wie
können wir gemeinsam als Gesellschaft Menschen die in Scientology feststecken helfen,
damit sie diese ausbeuterische Beeinflussung erkennen, verstehen und sich daraus lösen
können?!«
Warum fallen Menschen auf Scientology herein?