Verhaltenskontrolle



Unter Verhaltenskontrolle versteht man die Regelung der physischen Realität des
Individuums. Dies beinhaltet die Kontrolle der Umwelt des Menschen - wo er lebt,
wie er sich kleidet, was er isst, wieviel Schlaf er bekommt -, ebenso wie der Arbeit,
Rituale und sonstige Tätigkeiten, die er ausübt.

Diese Notwendigkeit der Verhaltenskontrolle ist der Grund, weshalb die meisten
Sekten ihren Mitgliedern ein sehr strenges Reglement vorschreiben. Eine
beträchtliche Menge an Zeit wird täglich den Sektenritualen und
Indoktrinationsaktivitäten gewidmet. Die Mitglieder bekommen meist auch
bestimmte Ziele und Aufgaben zugewiesen, um ihre Freizeit zu beschränken und ihr
Verhalten zu kontrollieren. In einer Sekte gibt es immer etwas zu tun.

In manchen der strengeren Gruppen müssen sich die Anhänger so gut wie alles erst
von leitenden Mitgliedern genehmigen lassen. Zum Teil werden die Anhänger
finanziell so sehr abhängig gemacht, dass ihr Entscheidungsspielraum automatisch
immer enger wird. Sie müssen um Geld für den Bus oder für Kleidung bitten, müssen
sich genehmigen lassen, wenn sie zum Arzt gehen oder einen Freund oder
Verwandten außerhalb der Gruppe anrufen wollen - Handlunge, über die die meisten
von uns ganz selbstverständlich frei verfügen. Auf diese Weise kann die Gruppe das
Verhalten und damit die Gedanken und Gefühle ihrer Mitglieder am kurzen Zügel
halten.

Das Verhalten wird oft über die Forderung kontrolliert, dass man nur noch als Gruppe
handeln soll. In vielen Sekten wird gemeinsam gegessen und gearbeitet, es finden
Gruppentreffen statt, und bisweilen schlafen die Mitglieder mit anderen zusammen in
einem Raum. Individualismus wird unterdrückt. Teilweise weist man den Leuten
einen ständigen Kumpel zu oder steckt sie in kleinere Einheiten von einem halben
Dutzend Mitgliedern.

Die Befehlskette in Sekten verläuft gewöhnlich streng hierarchisch: vom
Sektenführer über seine Statthalter zu den Unterführern bis ganz nach unten zu den
einfachen Mitgliedern. In einer derart streng geregelten Umgebung können
sämtlichen Verhaltensweisen entweder belohnt oder bestraft werden.

Ein System von Belohnung und Strafe steuert die Erfahrung so, dass das Verhalten
der Person, das ihre frühere soziale Identität spiegelt, unterdrückt wird. Der
Ausdruck der Überzeugungen, Wertvorstellungen, Aktivitäten und charakteristischen
Verhaltensweisen, den die Person vor der Zugehörigkeit zur Gruppe hatte, wird
unterbunden und dahingehend gesteuert, dass die von der Führung vorgesehene
soziale Identität angenommen wird.

Taucht man in eine Umwelt ein, in der man von der Belohnung derer, die die
Situation unter Kontrolle haben, vollständig abhängig ist, wird man mit massiven
Anforderungen konfrontiert, neue Informationen und Verhaltensweisen auf- und
anzunehmen. Für rechtes Verhalten wird man mit sozialen und manchmal auch
materiellen Verstärken belohnt. Lernt man zu langsam oder ist nicht gefügig, droht
die Ausgrenzung und Bestrafung. Zum Arsenal der Strafen gehören Verlust der
Wertschätzung durch andere, Verlust von Privilegien, Minderung des Status, was
Angst und Schuldgefühle hervorruft.

Es ist im Sinne der Führung, die Mitglieder niemals zu einem inneren Gleichgewicht
finden zu lassen. Wenn jemand gute Leistung erbringt, wird er vor den anderen von
den Vorgesetzen gelobt und manchmal mit Geschenken oder einer Beförderung
belohnt. Erbringt er schlechte Leistungen, so wird er oft vor allen anderen
bloßgestellt und kritisiert und zu niedrigen Arbeiten, wie z.B. Kloputzen, verdammt.
Jemand, der aktiv an seiner eigenen Bestrafung partizipiert, glaubt irgendwann
selbst, dass er sie verdient hat.

Jede Gruppe hat ihre eigenen charakteristischen Verhaltensrituale, die den
Zusammenhalt unterstützen. Dies können bestimmte Eigenarten der Redeweise, der
Körperhaltung oder des Gesichtsausdrucks sein, ebenso wie traditionellere Formen
der Glaubensdarstellung.

Wenn sich jemand nicht enthusiastisch genug verhält, kann es ihm passieren, dass er
beschuldigt wird, selbstsüchtig und unrein zu sein und sich nicht genug zu bemühen.
Man wird ihn dazu anhalten, so zu werden wie ein älteres Mitglied. Gehorsam
gegenüber Befehlen von oben ist die wichtigste Lektion, die es zu lernen gilt. Die
inneren Gedanken können die Führer nicht vorschreiben, aber sie wissen, dass Herz
und Verstand dem Verhalten folgen werden.