Verändern


Das Verändern besteht darin, dem Individuum eine neue Identität aufzuzwingen -
neue Verhaltensweisen, Denkweisen und Emotionen -, um das Vakuum zu füllen,
das der Zusammenbruch der alten hinterlassen hat. Die Indoktrination in dieser
neuen Identität geschieht sowohl formell (durch Seminare, Rituale) als auch
informell (durch das Zusammensein mit Mitgliedern, Lesen, Anhören, Anschauen).
Viele Techniken, die in der Phase des Aufbrechens benutzt werden, kommen auch
hier wieder zur Anwendung.

Wiederholung, Monotonie, Rhythmus: das sind die einlullenden, hypnotisierenden
Kadenzen, die für die formale Indoktrination kennzeichnend sind. Der Stoff wird
immer und immer wieder dargeboten. Raffinierte Redner bauen leichte
Variationen in ihre Vorträge ein, um die Aufmerksamkeit zu erhalten, aber die
Botschaft ist jedes Mal die Gleiche.

In der Phase des Veränderns konzentriert sich diese ganze Wiederholung auf
bestimmte zentrale Themen. Den Neugeworbenen wird erzählt, wie schlecht die
Welt sei und dass die Nichterleuchteten keine Ahnung hätten, wie man sie in
Ordnung bringen kann. Das läge daran, dass den normalen Menschen das neue
Verständnis fehle, das der Sektenführer bringe. Der Sektenführer sei die einzige
Hoffnung auf dauerhaftes Glück. Man erzählt ihnen: Euer altes Selbst ist es, was
euch daran hindert, die neue Wahrheit zu erfahren. Eure alten Vorstellungen
stehen euch im Weg. Euer rationales Denken hindert euch an einem fantastischen
Fortschritt. Gebt nach Lasst los. Habt Vertrauen. 

Das Verhalten wird zunächst subtil, später mit mehr Nachdruck modelliert. Das
Material für die neue Identität wird allmählich, Stück für Stück, ausgeteilt -
immer nur so schnell, wie der Betreffende es assimilieren kann. Die Faustregel
lautet: Immer nur so viel erzählen, wie einer annehmen kann.

Die formalen Indoktrinationssitzungen können sehr monoton und rhythmisch sein
- eine Methode, hypnotische Trancezustände einzuleiten. Es kommt recht häufig
vor, dass Leute während dieser Programme einschlafen. Selbst wenn jemand vor
sich hin döst, nimmt er doch noch einiges von dem Gesagten auf und wird davon
beeinflusst, wobei seine normalen intellektuellen Schutzmechanismen
abgeschaltet sind.

Eine weitere wirksame Technik des Veränderns ist das künstlich herbeigeführte
spirituelle Erlebnis. Dies wird oft so bewerkstelligt, dass der beste Kumpel in der
Gruppe sehr intime Informationen über den Neuling sammelt und heimlich an die
Sektenführung weitergibt. Später, im richtigen Moment, wird diese Information
dann hervorgeholt, um eine Erlebnis zu erzeugen.

Eine vielbenutzte Technik in religiösen Sekten ist, die Menschen aufzufordern,
Gott selbst zu fragen, was er möchte, dass sie tun. Die Mitglieder werden
ermahnt, intensiv zu studieren und zu beten, um zu erfahren, was Gottes Wille für
sie ist. Dabei wird stets impliziert, Gottes Wille sei, dass sie der Gruppe beitreten,
und mit einem Austritt würden sie ihn verraten. Natürlich wird es nicht als gültig
akzeptiert, wenn jemand dem Sektenführer sagt, Gott habe ihm geraten
auszutreten.

Vielleicht die stärkste Überzeugungskraft geht von den anderen
Sektenmitgliedern aus. Mit einem indoktrinierten Sektenanhänger zu sprechen ist
für einen Unbedarften eine recht außergewöhnliche Erfahrung. Vermutlich ist
einem noch nie jemand begegnet - Freund oder Fremder -, der dermaßen
felsenfest davon überzeugt war zu wissen, was das Beste für sie ist. Ein
überzeugter Anhänger gibt sich auch nicht mit einem Nein zufrieden, denn man
hat ihm ja eingetrichtert, dass er schuld ist, wenn der Gegenüber nicht beitritt.
Dies setzt ihn unter einen gewaltigen Erfolgsdruck. Der Beitritt eines Neuen
bedeutet für die Anhänger zudem eine Bestätigung der Sektenideologie. 

Wenn man ausschließlich von solchen Leuten umgeben ist, spielt die
Gruppendynamik eine entscheidende Rolle beim Prozess des Veränderns. Die
Leute werden gezielt in kleine Gruppen (oder Zellen) eingeteilt. Wer zu viel fragt,
wird schleunigst von der Masse der anderen Mitglieder isoliert.

Der Prozess der Veränderung beinhaltet jedoch viel mehr als Gehorsam
gegenüber den Autoritätsfiguren einer Sekte. Dazu gehören auch zahlreiche
Austauschsitzungen mit anderen Mitgliedern, bei denen es darum geht, frühere
Sünden zu beichten, von jetzigen Erfolgen zu erzählen und das
Gemeinschaftsgefühl zu fördern.

Diese Gruppensitzungen sind ein sehr wirksames Mittel zur Erzeugung von
Konformität, denn die Gruppe verstärkt bestimmte Verhaltensweisen durch
Überschüttung mit Lob und Anerkennung, während sich nicht gruppenkonforme
Gedanken und Handlungsweisen mit eisigem Schweigen bestraft.

Um Anpassungsprozesse wirksam werden zu lassen, müssen Sektenführer ihre
Anhänger nicht offensichtlich unter Druck setzen. Die Sektenführer und
Manipulateure gehen raffinierter vor, sie nutzen die angeborene Neigung zur
Gruppenkonformität, um die Menschen in ihrem Sinne zu verändern. In einer
Atmosphäre, in der ausgesprochen oder unausgesprochen die Meinung herrscht,
dass es nur diesen und keinen anderen Weg gibt, ist es wichtig, von Vorbildern
umgeben zu sein, denen nachgeeifert werden kann. 

Der Mensch verfügt über unglaubliche Fähigkeiten, sich an neue Umgebungen
anzupassen. Totalitäre Sekten verstehen es, sich diese Stärke zunutze zu
machen. Kontrolle der Umgebung, Anwendung von Verhaltensmodifikation, mit
der bestimmte Verhaltensweisen unterstützt und andere unterdrückt werden, und
Herbeiführung hypnotischer Trancezustände - mit diesen Mitteln kann es
tatsächlich gelingen, jemanden eine neue Identität einzuprogrammieren.

Lässt eine Person sich auf eine gemeinschaftliche Aktivität in einem sozialen
Umfeld ein, von dem sie nicht weiß, dass es künstlich konstruiert ist, dann
bemerkt sie nicht, dass ihre Interaktionen vorausbestimmten Mustern folgen.

Wird die Person aufgefordert eine verbale Erklärung abzugeben, dass sie die
Ideologie nun wirklich versteht und sich verändert hat, dann werden diese
Interaktionen mit den Gruppenmitgliedern sie zum dem Schluss führen, dass ihre
Überzeugungen mit ihren Handlungen übereinstimmen. Mit anderen Worten, die
Person wird glauben, sie hätte selbst zu den neuen Glaubenshaltungen und
Verhaltensweisen gefunden.

Hat man ihn umprogrammiert, so ist er bereit für den nächsten Schritt.