Es gibt viele verschiedene Wege, wie Menschen in die Fänge einer Gruppe geraten
können, die mit Bewusstseinskontrolle operiert. Da sich totalitäre Gruppen gezielt
Menschen aussuchen, die intelligent, talentiert und erfolgreich sind, haben die
Sektenmitglieder eine große Überzeugungs- und Anziehungskraft für Neulinge.
Tatsächlich dürfte von der schieren Zahl überzeugter, engagierter Anhänger, denen
der Neuling begegnet, eine viel stärkere Anziehungskraft ausgehen als von jeder
Doktrin oder Struktur. Die großen Sekten beweisen, dass sie sich darauf verstehen,
ihre Verkäufer gut zu schulen. Sie indoktrinieren ihre Mitglieder so, dass diese nur
die besten Seiten der Organisation offenbaren. Den Mitgliedern wird beigebracht,
sämtliche negativen Gefühle in bezug auf die Gruppe zu unterdrücken und stets ein
lächelndes, glückliches Gesicht zu zeigen.

Der Normalbürger hat wenig Chancen, ein solches System zu durchschauen. Er weiß
nichts über Bewusstseinskontrolle. Er weiß nicht, wie verschieden die einzelnen
Sekten operieren. Er weiß nicht, welche Fragen er stellen und auf welche
Verhaltensweisen er achten muss. Ohne viel zu wissen, geht er davon aus, dass er
niemals in den Sog einer solchen Gruppe geraten kann. 

Die Leute glauben, dass ihnen so etwas nie passieren könnte, denn sei möchten sich
für stärker halten als die Millionen Menschen, die der seelischen Manipulation durch
totalitäre Sekten zum Opfer gefallen sind. Doch unser Bedürfnis, uns für
unverwundbar zu halten, ist eigentlich eine Schwäche, die leicht von Sektenwerbern
ausgenutzt werden kann. So könnte ein Werber zum Beispiel sagen:

"Du bist doch ein intelligenter und bodenständiger Mensch. Du würdest dich doch von niemanden
zu etwas zwingen lassen, was du nicht willst. Du entscheidest gern für dich selbst. Also wirst du
dich doch nicht von den tendenziösen Medien mit ihren absurden Vorwürfen abschrecken lassen.
Dafür bist du viel zu gescheit. Wann möchtest du also einmal zu dem Vortrag kommen?"


Am besten kann man auf die Methoden der Sektenwerber aufmerksam werden,
indem man in der Lage ist, die Taktiken sofort zu erkennen, mit denen Sekten auf
Mitgliederfang gehen.

Personen werden in folgenden, wesentlichen Arten angesprochen:


1) Durch einen Freund oder Verwandten, der bereits ein Mitglied ist.
2) Durch einen Fremden, der sich mit einem anfreundet (oft vom anderen
Geschlecht).
3) Durch eine von der Sekte gesponserten Veranstaltung (Vortrag, Symposium
oder Film.
4) Durch Werbung angelockt, ein Sektenbuch zu kaufen, das als "Bestseller"
beworben wird.
5) Durch eine Einladung per Post zu einer scheinbar harmlosen "Bibelstunde".
6) Durch Neugierde auf eine Kleinanzeige, Flyer oder Poster.
7) Durch Anwerbung in der Arbeitsstelle, wenn sie bei einer sekteneigenen Firma
anfangen.


Sehr oft ahnt der Angesprochene gar nicht, dass er angeworben wird. Der Freund
oder Verwandte hat einfach einige sagenhafte Einsichten gewonnen und Erfahrung
gemacht und möchte diese mit Ihnen teilen. Das Ganze könne man nicht beschreiben
oder erklären - man müsse es erfahren oder spüren.

Untersuchungen über Sektenanhänger und Ehemalige haben gezeigt, dass die
meisten von ihnen in einer schwierigen (Stress)Phase in ihrem Leben angesprochen
wurden. Diese Phase ist oft durch einen größeren Umbruch verursacht: Umzug in eine
andere Stadt, eine neue Stelle, eine gescheiterte Beziehung, finanzielle
Schwierigkeiten, Tod eines geliebten Menschen. In solchen Situationen sind die
Schutzmechanismen der Menschen häufig überlastet oder geschwächt. Wenn sie
nicht wissen, wie sie totalitären Sekten erkennen und meiden können, sind sie
leichte Beute.

Es ist wichtig zu erkennen, dass eine Anwerbung nichts ist, was einfach passiert.
Vielmehr ist es ein Prozess, der einem durch andere aufgezwungen wird.

Vollblutgeschäftsleute, ständig unter Konkurrenzdruck und getrieben vom
Erfolgszwang, werden von Kollegen angeworben, die ihnen von dem unglaublichen
Nutzen des Kurses erzählen. Studenten, die unter dem Druck ihrer akademischen
Arbeiten stehen und Anerkennung suchen, freunden sich mit einem professionellen
Werber an oder gehen zu einem Vortrag der Gruppe über irgendein aktuelles
gesellschaftliches Thema. Eine Hausfrau, die das Bedürfnis hat, etwas mit ihrem
Leben anzufangen, folgt dem Beispiel einer Freundin und kauft sich in einen
pyramidenförmig organisierten Haushaltswarenvertrieb ein.

Wie immer auch die Annäherungstaktik aussieht, irgendwann wird der persönliche
Kontakt hergestellt. Der Werber versucht nun, alles über den zu Werbenden in
Erfahrung zu bringen - seine Hoffnungen, seine Träume, seine Ängste, seine
Beziehungen, seinen Beruf, seine Interessen. Je mehr Informationen er entlocken
kann, desto besser werden seine Chancen, den Betreffenden zu manipulieren.

Der Werber legt sich eine Strategie zurecht, wie er die Zielperson Schritt für Schritt
in die Gruppe locken kann. Dazu können etwa gehören: überschwängliches Lob und
Schmeicheleien (Love Bombing), Bekanntmachen mit einem anderen Mitglied mit
ähnlich gelegenen Interessen und einem ähnlichen Hintergrund, bewusste Täuschung
über die Gruppe, Ausweichmanöver, um Fragen nicht zu beantworten.

Heutzutage kann jeder in eine totalitäre Sekte geworben werden. Auch ältere
Menschen können angeworben werden, die gerne um gewaltige finanzielle Beiträge
gebeten oder für PR-Statements benutzt werden. Dennoch stellen nach wie vor
junge Menschen das Gros der Fronarbeiter. Sie können weniger schlafen, weniger
essen und mehr arbeiten.

Interessant ist, dass Sekten es generell vermeiden, Menschen zu werben, die eine
Belastung für sie sein könnten, z.B. Menschen mit ernsthaften emotionalen und
psychologischen Problemen. Sie wollen Leute, die dem zermürbenden Alltag in der
Sekte gewachsen sind. Wenn ein neues Mitglied Drogen nimmt, dann wird es vor die
Alternative gestellt, aufzuhören oder die die Gruppe zu verlassen. Außerdem gibt
fast keine Menschen mit Handicaps in Sekten, denn es kostet Zeit, Geld und Mühe,
sich um sie zu kümmern.

Ob es uns gefällt oder nicht - jeder ist für Anwerbung angreifbar, und durch
Bewusstseinskontrolle verletzlich. Jeder will glücklich sein. Jeder braucht Liebe und
Zuneigung. Jeder strebt nach etwas Besserem im Leben: mehr Weisheit, mehr
Wissen, mehr Geld, mehr Status, mehr Sinn, bessere Beziehungen, bessere
Gesundheit. Genau auf diese grundlegenden menschlichsten Eigenschaften und
Sehnsüchte spekulieren die Sektenwerber. Man muss sich immer wieder klarmachen,
dass in den meisten Fällen die Leute nicht den Sekten betreten: Die Sekten werben
die Leute an. 
Anwerbung: So wird es gemacht