Potenzielle Schwierigkeitsquelle

Eines der Kennzeichen einer autoritären Gruppe oder Sekte ist Informationskontrolle. Robert
Jay Lifton nennt es Milieukontrolle - die kontrollierte Beziehung zur Außenwelt. Die Gruppe
muss in der Lage sein, die Informationen, die ihre Mitglieder erhalten, zu überwachen.
Insbesondere um jede negative Information über die Gruppe oder den Anführer, die Anhänger
erhalten, abblocken zu lassen. Eine autoritäre Gruppe oder Sekte kann nur in einer Blase von
kontrollierter, positiver Information existieren.

Es ist leicht zu verstehen wie es in einer geschlossenen Gesellschaft wie z. B. Nordkorea gemacht
wird, wo die Regierung die Medien kontrolliert. Aber wie kann es in einer freien Gesellschaft
erreicht werden, wo Informationen leicht verfügbar sind - besonders mit dem Internet?

George Orwell hebt in seinem Roman 1984 hervor, dass bei Bewusstseinskontrolle nicht jemand
anderer, wie ein Roboter, den Verstand lenkt. Richtige Bewusstseinskontrolle besteht darin, dass
die Person selbst seinen Verstand, in Übereinstimmung mit dem Diktat der Gruppe, kontrolliert.
Das passiert durch Gedankenstopp-Techniken.  Orwell verwendet den Begriff Crimestop um
diesen Vorgang zu beschreiben:

Crimestop bedeutet die Fähigkeit, gleichsam instinktiv auf der Schwelle jedes gefährlichen Gedankens
haltzumachen.

Merke: Wenn ein Sektenmitglied eine Information als Angriff auf den Sektenführer, die Lehre
oder die Gruppe empfindet, dann geht sofort eine Mauer der Feindseligkeit hoch. Die Mitglieder
werden darauf gedrillt, jede Kritik für unwahr zu halten.

Mit der "PTS/SP-Technologie" von Scientology werden Anhänger darauf trainiert, jede kritische
Information über Scientology oder L. Ron Hubbard zu meiden, zu ignorieren und die Augen und
Ohren davor zu verschließen.

Diese Gedankenstopp-Technik beginnt mit der Definition einer unterdrückerischen Person
(siehe Kapitel zuvor). Das ist ein böses Wesen welches versucht, jede verbessernde Aktivität oder
Gruppe zu unterdrücken oder zu zerstören. Gemäß Hubbards Definition erfreuen sich diese
Personen andere Menschen klein zu halten und verhindern die Verbesserung anderer. Eine
potenzielle Schwierigkeitsquelle (Abkürzung "PTS" aus dem engl. Potential Trouble Source) ist
für Hubbard demnach:

Eine Person, die in irgendeiner Weise mit einer unterdrückerischen Person in Verbindung steht
und von ihr nachteilig beeinflusst wird. Sie wird eine potenzielle Schwierigkeitsquelle genannt,
da sie für sich selbst und andere eine Menge Schwierigkeiten bereiten kann.

Ist jemand in irgendeiner Form mit einer unterdrückerischen Person verbunden, oder ist ein
Bekannter kritisch gegenüber Scientology oder Hubbard, dann ist man eine potenzielle
Schwierigkeitsquelle.

Und das beinhaltet auch das Lesen jeder negativen Nachricht und kritischer Lektüre, verfolgen
schlechter TV-Programme oder der Besuch von nachteiligen Seiten im Internet (wie diese hier).
Alles Kritische über Scientology ist das Werk einer unterdrückerischen Person. Wird es gelesen
oder dem Gehör geschenkt, dann wird der Anhänger folglich eine potenzielle
Schwierigkeitsquelle.

Es könnte nun gefragt werden: "Wie weiß Scientology, ob ein Anhänger negative Information
liest?" Da liegt der Haken. Es wird von Anhängern erwartet, selbst über ein solches Verhalten
Bericht zu erstatten. Wird ein Anhänger irgendeiner negativen Information ausgesetzte, sei es
von Familienmitgliedern oder den Medien, so wird vorausgesetzt, sich selbst unverzüglich zu
melden. Hubbards Worte dazu:

Es ist ein Verbrechen, eine PTS-Person zu sein oder zu werden, ohne es zu berichten oder
Maßnahmen zu ergreifen oder Prozessing zu erhalten, während man PTS ist.

Als potenzielle Schwierigkeitsquelle erklärt zu werden ist für ein Scientology-Mitglied keine
Kleinigkeit.

Als Strafe wird sämtliches Service (Auditing oder Training) ausgesetzt. Eine potenzielle
Schwierigkeitsquelle erhält keine "geistliche Beratung". Hubbard dazu:

Eine potenzielle Schwierigkeitsquelle darf kein Prozessing oder keine Ausbildung erhalten, bis
ihr Zustand in Ordnung gebracht ist.

Für einen Scientology-Anhänger ist das eine sehr ernstzunehmende Drohung. Mitglieder
werden zum Glauben gebracht, dass ihre geistige Freiheit und Ewigkeit davon abhängt, die
höheren Stufen von Scientology zu erreichen - Clear und OT. Nur diese "höheren Zustände"
ermöglichen es den Tod zu überwinden, um mit voller Erinnerung und vollem Bewusstsein
wiedergeboren zu werden. Werden diese höheren Ebenen nicht erreicht, sind sie zu ewiger
Dunkelheit verdammt. Somit läuft die Androhung, sie von jedem Service abzuschneiden, für
einen Gläubigen auf eine Sache auf Leben und Tod hinaus.

Den Grund um jemanden vom Service auszuschließen, benennt Hubbard als "Achterbahn-
Angelegenheit" (Ein Fall, der sich verbessert, dann verschlechtert).

Der einzige Grund, warum ein Fall nach gutem, standardgemäßem Auditing Achterbahn fährt,
liegt in den PTS-Phänomenen begründet, und ein Unterdrücker muss vorhanden sein. Ein
Achterbahnfahrer steht immer in Verbindung mit einer unterdrückerischen Person und wird
keine beständigen Gewinne erhalten.

Die Person hat "Fallgewinne" (Nutzen) von Scientology, verliert sie jedoch wegen der
Beeinträchtigung eines Unterdrückers. Das Mitglied geht hoch und hinunter wie in einer
Achterbahn, weil ein "böses Individuums" es mit negativen und kritischen Informationen über
Scientology versorgt. Folglich ist der Fortschritt die Brück hinauf so lange blockiert, wie der
Anhänger in Verbindung mit der unterdrückerischen Person steht, wodurch dieser Zustand
gehandhabt werden muss, um wieder für das Service zugelassen zu werden.

Anhänger sollen durch das Training und Processing eigentlich übermenschliche Fähigkeiten
und Macht erlangen. Sie sollten ihr "Konfrontiervermögen" steigern , mehr und mehr "Ursache
und Wirkung über das Leben" werden. Aber negative Wörter oder Gedanken sollen alle erzielten
Gewinne zerstören? Das macht keinen rationalen Sinn und dennoch akzeptieren Anhänger
unkritisch diese unlogische Aussage als Wahrheit.

Eine sehr durchsichtige List, um Anhänger von kritischen Informationen über Scientology
abzuschneiden.

TYPEN VON UNTERDRÜCKERISCHEN PERSONEN

Hubbard listet drei Typen von unterdrückerischen Personen auf.

Typ I ist die leichte Art. Die unterdrückerische Person des Falles ist direkt in der Gegenwart
vorhanden und ist aktiv dabei, die Person zu unterdrücken. Diese Bewältigung ist die einfachste,
indem das Mitglied normalerweise im Rahmen eines Ethik-Gesprächs befragt wird, ob jemand
die Gewinne in Scientology stört, wie etwa ein Freund oder ein Familienmitglied. Ist die Person
gefunden, wird dem Anhänger gesagt diese Situation "zu handhaben" oder die Verbindung
abzubrechen.
Typ II ist schwieriger, denn die scheinbare unterdrückerische Person in der Gegenwart ist nur ein
Restimulator für den tatsächlichen Unterdrücker. Das bedeutet, dass der scheinbare Unterdrücker
nicht der richtige Unterdrücker ist, sondern der Pre-Clear sich nur an einen wirklichen
Unterdrücker auf seiner Zeitspurt erinnert.

Hubbard hat schon vorsorglich eine bestimmte Personengruppe ausgeschlossen:

... beginnt die Person Org-Mitarbeiter oder andere unwahrscheinliche Personen als
Unterdrücker zu benennen, dann muss der Ethik-Officer erkennen, dass er es mit einem Typ II
PTS zu tun hat.

Im Klartext, Dienstältere und Ranghöhere können nicht die wirklichen Unterdrücker sein, womit
"woanders" geschaut werden muss.

Typ III liegt für Hubbard außerhalb der Möglichkeiten von Organisation, die nicht mit einem
Krankenhaus ausgerüstet sind, da diese Leute vollkommen psychotisch sind.

PTS - HANDHABUNG

Wie verfährt das System Scientology mit jemanden, der als potenzielle Schwierigkeitsquelle
belabelt wurde? Grundsätzlich wird dem Anhänger mitgeteilt, die Situation mit der
unterdrückerischen Person zu handhaben oder die Verbindung abzubrechen.

Hubbard gibt einige Stufen vor, wie diese "Handhabung" erfolgen kann. Die erste Stufe wäre:

... ist z.B. eine Annäherung an das antagonistische Terminal im Sinne von "gute Straßen,
schönes Wetter" das, was erforderlich ist.

Danach:

Füllen Sie jedes Vakuum fehlender Daten über Scientology mit tatsachengemäßen Daten über
Scientology und belegen Sie alle Lügen, Gerüchte und falsche Daten, auf die Sie stoßen, als
falsch.

Um dies effektiv ausführen zu können erklärt Hubbard, soll ein Bündel aktueller Materialien vom
lokalen Ethik-Officer oder von OSA eingeholt werden.

Diese Schritte der "Handhabung" strotzen vor Kuriosität. Hubbard beschreibt eine
unterdrückerische Person als ein gänzlich böses Geschöpf, das jede Bemühung der Menschheit
zu helfen hasst und angreift. Wie soll somit das Schreiben von wohlwollenden Briefen, dass
bereitstellen von richtigen Informationen eine unterdrückerische Person handhaben?

Irgendetwas ergibt offensichtlich bei dieser formulierten Handhabung keinen Sinn. Es wird
deutlich, dass Hubbard in Wirklichkeit NICHT über ein hoffnungslos böses, antisoziales Wesen
spricht, das darauf aus ist, die Menschheit zu zerstören. Er spricht über die Freunde und Familie
eines Scientology-Anhängers, welche möglicherweise antagonistisch oder kritisch gegenüber
Scientology sind. Hubbard appelliert an seine Anhänger "keinen Antagonismus zu schaffen".
Nun, es wäre eine dumme Aussage hinsichtlich einer unterdrückerischen Person - eine
unterdrückerische Person ist gemäß Definition Hubbards bereits antagonistisch. 

Eines der Beispiele die Hubbard über eine unterdrückerische Person gibt ist Adolf Hitler.
Angenommen die Juden wären diesem Rat der Handhabung gefolgt und hätten wohlwollende
Briefe an Hitler geschrieben? Oder hätten die richtigen Fakten über das Judentum bereitgestellt,
um den erhaltenen Falschinformationen entgegenzuwirken? Was wäre passiert? Es bildet sich
deutlich ab, wie ineffektiv diese Maßnahmen gegenüber Individuen sind, die Hubbard als
unterdrückerische Person beschreibt.

Es ist offensichtlich, dass Hubbard nicht über die Handhabung von antisozialen, bösen
Individuen spricht. Er äußert sich über die Handhabung von Scientology kritisch
gegenüberstehenden Freunden und Familien - eine gänzlich andere Sache.

Und es wird auch evident, dass Handhabung nur eine Sache bedeutet: Bring die Person dazu, jede
Kritik gegenüber Scientology zu stoppen.

ABBRECHEN DER VERBINDUNG

Scientology beharrt in der Öffentlichkeit, dass es nichts dergleichen wie Kontaktabbruch
(Disconnection) gibt. Jedoch selbst der gläubigste Anhänger weiß, dass das eine Lüge ist. Wenn
ein Anhänger mit einer unterdrückerischen Person (jeder der gegenüber Scientology kritisch ist)
in Verbindung steht und sie nicht gehandhabt werden kann (beenden von Kritik an Scientology),
dann muss der Anhänger den Kontakt abbrechen. Geschieht das nicht, wird der Anhänger von
weiteren Scientology-Service ausgesperrt und kann selbst zur unterdrückerischen Person erklärt
werden. In diesem Fall haben sich dann alle Freunde und Familienmitglieder innerhalb von
Scientology von ihr zu trennen.

Die Praxis von Kontaktabbruch (in anderen Sekten wir es "Shunning" [Verstoßen, Meiden]
genannt, ist ein Kernstück von Gedankenstopp.

Merke: Ist die Familie des Neumitglieds gar zu kritisch, wird ihm schließlich befohlen, jeden
Kontakt zu ihr abzubrechen. Totalitäre Sekten können keinerlei Opposition dulden. Man ist
entweder ihrer Meinung (ode gilt zumindest als potenzieller Kandidat), oder man ist ihr Feind.

Mitunter rechtfertigt Scientology diese Praxis mit der Aussage, es ist "ein fundamentales Recht".
Jeder hat das Recht, mit einer bestimmten Person zu kommunizieren oder nicht zu
kommunizieren.

Richtig ist, Hubbard hat 1968 diese Richtlinie wegen Unpopularität offiziell annulliert. Fakt ist
jedoch, in der Praxis wurde der Kontaktabbruch niemals widerrufen. Es war und ist ein
gewöhnliches Verfahren innerhalb von Scientology, ganz gleich wie es maskiert oder benannt
wird.

Diese Praxis ist die größte Waffe hinsichtlich der Kontrolle der Anhänger.

Anhänger erhalten schlechte Nachrichten oder Kritik über Scientology von Freunden und
Familienangehörigen - und das muss kontrolliert und gestoppt werden.

Kontaktabbruch ist eine der verwerflichsten Praktiken von Scientology. Diese Praxis zwingt
Mitglieder die Verbindung zu Aussteigern, Abtrünnigen und anderen mißliebigen Personen
komplett abzubrechen, ungeachtet der oft grausamen Konsequenzen. Es hat unzählige Familien
zerstört, Eltern von ihren Kindern abgetrennt und Ehen beendet. Keine legitime Religion drängt
auf eine solch destruktive Praktik. Jede Sekte hingegen macht es.

FALLVERSCHLECHTERUNG

Über die Verwendung als Gedankenstopp-Mechanismus hinaus, wird die potenzielle
Schwierigkeitsquelle als allumfassende Rechtfertigung für Scientologys drastisches Versagen
verwendet.

Weil Scientology "immer funktioniert", brauchen Anhänger eine bequeme Ausrede wenn es dies
offenkundig und grundlegend nicht tut. Die gebräuchlichste Ausrede ist, "es (die Technologie)
wurde nicht korrekt angewendet".

Direkt dahinter folgt "sie/er war PTS". Wenn ein hochrangiges OT-Mitglied Suizid begeht,
jemand tötet oder wie Leah Remini abtrünnig wird, dann ist immer wieder "Sie waren PTS" zu
hören. Es entschuldigt alles, da Hubbard einige Pauschalurteile über den Zustand einer
potenziellen Schwierigkeitsquelle gemacht hat:

Das erste, was man wissen muss, ist: Eine Fallverschlechterung wird nur durch eine PTS-
Situation verursacht. Es wird niemals einen anderen Grund geben.

Alle Insassen von Anstalten sind PTS. In dieser einen Tatsache liegt das gesamte Gebiet der
Geisteskrankheit eingepackt.

In mehr oder weniger hohem Maße rühren alle Krankheiten und jedes Verpfuschen einer Sache
direkt und ausschließlich von einem PTS-Zustand her.

Somit ist es für das eklatanteste Scheitern von Scientology eine praktische Gedankenstopp-
Ausflucht.

Diese "PTS-Technologie" ist der zentrale Kern von Scientologys Gedankenstopp-
Kontrollsystem. Anhänger haben furchtbar Angst zu einer potenziellen Schwierigkeitsquelle
erklärt zu werden, von der "Brück zur totalen Freiheit" zu fallen, ihre "Ewigkeit" zu verlieren oder
genötigt zu werden, den Kontakt zur Familie und Freunden abbrechen zu müssen. Somit
vermeiden sie um jeden Preis negative oder kritische Informationen.

Das bedeutet gleichzeitig auch, dass sie darauf abgerichtet werden, ihre eigene Informationsblase
zu beaufsichtigen um nichts Negatives hereinzulassen. Es kann Anhängern Unmengen von
kritischer Information vorgelegt werden und sie werden es im wahrsten Sinne des Wortes nicht
lesen. Sie werden es nicht anfassen. Sie haben Angst davor.

Anhänger von Scientology haben ihre eigene Version von Orwells "crimestop" erlernt: Die
Technik, gleichsam instinktiv auf der Schwelle jedes gefährlichen Gedankens haltzumachen.