Overts & Withholds

Das zweite Kapitel im Buch Einführung in die Ethik der Scientology führt arglos in einige der
Hauptkonzepte von Scientologys Ethiksystem ein: Overts, Withholds und Motivators. Das ist
Teil der speziellen Sprache von Scientology.

Ein "Overt" ist eine schädliche oder gegen das Überleben gerichtete Handlung bzw. die
Verletzung eines Moralkodexes der Gruppe.

Ein "Withhold" ist eine begangene Overt-Handlung, die verheimlicht oder abgestritten wird.

Motivator ist ein wenig verzwickter. Es wird definiert als eine verletzende, herabsetzende oder
degradierende Handlung, die die Person oder eine ihrer Dynamiken erleidet. Das ist der
komplizierte Weg um eine böse Handlung zu beschreiben,  die einem angetan wird.

Viel präziser betrachten Anhänger einen Motivator als "eine aufgrund der eigenen Overts
hervorgerufene, sich selbst zugefügte Verletzung". Dies ist das Scientology-Konzept von
"anziehen/hereinziehen". In Scientology werden schädliche Handlungen, die gegen einem
gerichtet sind, vom Individuum selbst angezogen. Hubbard führt es folgendermaßen aus:

... wenn eine Person einen Overt begeht, dann glaubt sie, dass sie einen Motivator haben müsse
oder dass sie einen Motivator gehabt habe. Wenn jemand zum Beispiel einen anderen schlägt,
wird er Ihnen sofort erzählen, der andere habe ihn geschlagen, selbst wenn das gar nicht stimmt.

Das ist ein Schlüsselkonzept in Scientology. Wenn jemand beginnt sich über etwas zu beklagen
oder zu behaupten, er wäre von etwas verletzt worden, dann ist das ein "Motivator". Es ist etwas,
dass die Person als Resultat ihrer eigenen Overts "hereingezogen" hat. Deshalb verdient sie für
dieses Unglück kein Mitleid oder Empathie. Die Person wird als "Opfer" betrachtet und Opfer ist
in Scientology ein abschätziger Begriff.

Wird eine Person krank, dann hat sie es "hereingezogen". Wird ein Mann verprügelt, dann hat er
es "angezogen". Wird eine Frau vergewaltigt, dann hat sie es "angezogen".

Das ist der Grund, warum es Scientology-Anhängern häufig an Empathie gegenüber
Unglücklichen mangelt. Die Opfer tragen für ihr eigenes Unglück stets die Schuld. "Dem Opfer
die Schuld geben" wurde in Scientology zur hohen Kunst ausgebaut.

RECHTFERTIGUNG

Des Weiteren entscheidend ist der Begriff der Rechtfertigung. Dieser wird von Hubbard
folgendermaßen neu definiert:

Wenn eine Person eine Overt-Handlung begangen hat und sie dann zurückhält, so bedient sie
sich gewöhnlich des sozialen Mechanismus der Rechtfertigung. Sie versucht dann,  sich vom
Bewusstsein, eine Overt-Handlung begangen zu haben zu erleichtern, indem sie an anderen
etwas aussetzt oder ihnen die Schuld zuschiebt.

In anderen Worten, findet man einen Fehler bei einer anderen Person, kritisiert sie oder macht
ihr Vorwürfe, dann nur deshalb, um seine eigenen Vergehen bzw. Verbrechen zu rechtfertigen.

Es beginnt sich der Kontrollmechanismus dieser Ethik herauszukristallisieren. Die Antwort für
jeden Anhänger der Kritik äußert, sich beschwert oder geschädigt wird ist immer, ihn in eine
Sicherheitsüberprüfung zu bekommen um seine "Overts" herauszufinden.

Hubbard widmete eine ganze Abhandlung namens "Ehrlichkeit und Fallgewinn" für einen
Mahnruf an seine Anhänger, damit sie zu Auditing-Sitzungen kommen, um ihre Overts und
Withholds zu bekennen. Falls nicht, warnt Hubbard, gibt es keine Fallgewinne (positive
Fortschritte) und der Weg "hinauf  zur Brücke", zu den versprochenen höheren Stufen, bleibt
verbarrikadiert.

Es ist in Scientology seit langem bekannt, dass in der Gegenwart von Overts und Withholds
keine Gewinne geschehen.

Ehrlichkeit öffnet die Tür zu Fallgewinn. Dies ist der Weg zur geistigen Gesundheit. Es ist der
Weg die Brücke hinauf zu OT und wirklicher Freiheit.

So bekommt Scientology seine Anhänger dazu, ihre intimsten Geheimnisse zu beichten. Vor
jeder Sitzung fragt ein Auditor, ob es irgendwelche Overts oder Withholds zu gestehen gibt.
Selbst jene Anhänger, die bereits diese "höheren Stufen" absolviert haben, müssen durch diese
regelmäßigen Beichten gehen.

BEICHTEN

In diesem Weg zieht Scientology eine Kultur der Schuldbekenntnisse auf. Von Anhängern wird
erwartet, jede Missetat zu beichten. Etwas zurückzuhalten ist zugleich ein "Withhold".

Merke: Schuld dürfte wohl das wichtigste emotionale Druckmittel sein, um Konformität und
Gehorsam zu erzeugen.

Ein Zweck dieser Schuldbekenntnisse ist es, genug Schmutz über eine Person zu bekommen, um
sie damit später, mit der Androhung der Veröffentlichung, unter Kontrolle zu behalten.

Merke: Natürlich wird die alte Sünde nach dem öffentlichen Bekenntnis nur selten wirklich
vergessen oder vergeben. Sobald einer aus der Reihe tanzt, wird sie wieder hervorgeholt und dazu
benutzt, den Betreffenden zum Gehorsam zu manipulieren.

Es gibt genügend dokumentierte Beispiele, wo Scientology vergangene Beichten mit dem
Versucht benutzt hat, kritische Ex-Mitglieder zum Schweigen zu bringen.

DIE GRUPPE VERLASSEN

Es könnte erwartet werden, dass dieses System für ein Individuum bewirkt, es in Frage zu stellen
oder die Gruppe zu verlassen. Jedoch schiebt Hubbard einen Riegel davor, indem es als einziger
Grund die eigenen Overts und Withholds sind, warum eine Person die Gruppe verlassen will.

Leute gehen wegen ihrer eigenen Overts und Withholds. Das ist eine nachweisliche Tatsache
und die felsenfeste Regel.

Natürlich stellt Hubbard keinerlei Recherche bereit um seine Aussage zu unterstützen - er
proklamiert, dass das nun einmal so ist. Denkt man darüber ein wenig nach, dann ist das eine
lächerliche Behauptung. Menschen verlassen Gruppen, Jobs oder sonst was wegen
unterschiedlichster Gründe. Langeweile. Die Chance auf einen besseren Job oder ein besseres
Leben anderswo. Menschen gehen, weil sie schlecht behandelt oder unterdrückt werden.

Schwer anzunehmen irgendjemand würde so herzlos sein und behaupten, eine misshandelte Frau
hat ihren Ehemann wegen "ihrer Overts ihm gegenüber" verlassen. Oder Flüchtlinge verlassen
ein Land wegen "ihrer Overts gegen das Regime". Doch hier ist Hubbard, der das als
unumstößliches Faktum festlegt.

Es ist ein sehr effektiver Weg Menschen auf Linie zu halten. Ebenso ist es ein guter
Mechanismus um sich selbst zu überwachen. Sobald man sich im Denken von "Ich möchte die
Gruppe verlassen" vorfindet, wird er nächste Gedanke "Ich muss Overts haben um so etwas zu
denken" sein. Und sollte man jemals zu einem anderen Mitglied "Ich möchte die Gruppe
verlassen" sagen, wird die unverzügliche Antwort "Was sind deine Verbrechen?" sein.

Scientology-Anhänger sind davon überzeugt, dass Beichten von Overts und Withholds positiv
sind und es daher häufig stattfinden muss. Findet eine Person sich bei kritischen Gedanken oder
Überlegungen die Gruppe zu verlassen, dann muss sie nur viel ausgiebiger Overts und Withholds
aufschreiben. All das natürlich "für das eigene Wohl". Anhänger werden sogar mit detaillierten
Anweisungsblättern versorgt, die das exakte Format und den Ablauf dieser "Sündenniederschrift"
bereitstellen.

BEICHTEN ALS HEILVERFAHREN

Kann Beichten eine Therapie sein? Bestimmt. So rechtfertigt es Hubbard , und genauso
rechtfertigen es Scientology-Anhänger.

Jedoch gibt es einen großen Unterscheid zwischen dem Bekennen von Vergehen unter vier
Augen oder ob es verlangt wird,  sie öffentlich zu beichten. Wenn man in Scientology seine
Sünden in einer Sitzung bekennt, dann werden diese oftmals aufgenommen oder sogar auf Video
aufgezeichnet. Die Beichten werden niedergeschrieben und archiviert. Auf diese Akten haben
Führungskräfte von Scientology jederzeit Zugriff. Alle gestandenen Vergehen können
öffentliches Wissen innerhalb von Scientology werden und werden es auch häufig.

Anhänger betonen oftmals die vergleichbare Methode mit der katholischen Beichte. Nein, es ist
nicht vergleichbar. Im Katholizismus werden Sünden nicht niedergeschrieben oder
aufgezeichnet, noch werden Akten darüber angelegt. Und wenn Kritik geübt wird oder die Person
möchte die Institution verlassen, dann wird sie nicht in den Beichtstuhl geschickt.

Außerdem bleiben im Katholizismus Beichten strikt zwischen der Person und ihrem Priester. In
Scientology wird nicht an eine Einzelperson gebeichtet, nein, es wird gegenüber einer ganzen
Organisation gebeichtet. Zu den Informationen aus den Ordnern haben hunderte
Verantwortliche und Mitarbeiter Zugang.

Und diese Informationen können gegen das Mitglied benutzt werden.

Das ist der Unterschied zwischen einer therapeutischen Nutzung von Beichten und einem
Kontrollsystem einer Sekte.