Grundlegend für das Verständnis von Bewusstseinskontrolle ist die Theorie von der
Kognitiven Dissonanz (Leon Festinger, 1950). Man kann Bewusstseinskontrolle nur
verstehen, wenn man sich zunächst über die Macht der Techniken zur
Verhaltensmodifikation und den Einfluss von Gruppendruck und Autoritätsgehorsam
im klar wird.

Gruppendruck ist ein wirksames Mittel, Menschen zur Anpassung an die
Gruppennormen zu bringen. In Sekten sind ihm alte wie neue Mitglieder
unterworfen, und er geht weit über das hinaus, was sich in der Gesellschaft
normalerweise abspielt. 

Kognitive Dissonanz bezeichnet man als einen unangenehm empfundenen
Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen hat, die
nicht miteinander vereinbar sind, also eine Art von Störgefühl. Auf einen einfachen
Nenner gebracht, geht es um den Konflikt, der entsteht, wenn ein Gedanke, ein
Gefühl oder ein Verhalten im Widerspruch zu den beiden anderen verändert wird.
Dissonanz ist die seelische Spannung, die entsteht, wenn jemandes Verhalten im
Widerspruch zu seinen Ansichten steht. Wir haben es lieber, wenn unser Verhalten,
die Gedanken und Gefühle miteinander im Einklang sind, und wir können nur ein
gewisses Maß an Diskrepanz aushalten.

Festingers Theorie besagt, und die Forschung hat dies seither vielfach bewiesen, dass
bei einer Änderung von einer der drei Komponenten, sich die beiden anderen
verschieben, um die Dissonanz zu vermindern. Ändert man eine, so tendiert die
andere dazu sich anzupassen.


Beispiel 1: Sie möchten Trauben essen. Diese hängen jedoch zu hoch, und sie können sie nicht
erreichen. Statt sich sein Versagen einzugestehen, wertet man die Trauben ab als „zu sauer
und nicht der Mühe wert“.

Beispiel 2: Sie kaufen sich ein teures Auto. Familie und Freunde haben von der Marke
abgeraten, da viele Berichte auf Unzuverlässigkeit hinweisen. Schon nach wenigen Wochen
die ersten Reparaturen. Statt sich seine falsche Handlung einzugestehen, versucht man eine
Rationalisierung zu finden. Andere Marken sind auch nicht besser, andere müssen auch viel
Geld für Reparaturen ausgeben.


Das Individuum muss Ordnung und Sinn in seinem Leben bewahren. Es muss glauben,
im Einklang mit seinem Selbstverständnis zu seinen Wertvorstellungen zu handeln.
Ändert sich sein Verhalten aus irgendeinem Grund, dann ändert sich auch sein
Selbstverständnis und seine Wertvorstellungen, damit sie wieder dazu passen. Man
muss sich klarmachen, dass Sekten auf diese Weise Dissonanz in den Menschen
vorsätzlich erzeugen und sie dann kontrollieren und missbrauchen zu können.

Dass die Gedanken das Handeln beeinflussen, dürfte unmittelbar einleuchten. Jedoch
begründet diese Theorie auch den umgekehrten Vorgang. Wenn man das Verhalten
eines Menschen verändert, so ändern sich auch seine Gedanken und seine Gefühle.

Gelingt es, all drei zu verändern, so wird das Individuum gleichsam hinweggefegt.


Kognitive Dissonanz