1) So etwas wie Bewusstseinskontrolle gibt es nicht!

Personen, die das Bestehen destruktiven Einflusses von der Hand weisen, haben
gewöhnlich verdrehte Vorstellungen von seinen Techniken. Niemand kann meine
Persönlichkeit ausradieren und mich zu einen gehirngewaschenen Zombie machen,
ist ein weit verbreiteter Glaube. Doch Sekten löschen kein authentisches Selbst einer
Person aus, sondern erschaffen vielmehr eine dominante Sektenidentität, die den
persönlichen Willen unterdrückt.

Es trifft zu, dass destruktiver Einfluss nicht auf alle Menschen mit gleicher Macht
wirkt. Personen in derselben Sekte können verschiedene Stadien von Beeinflussung
erfahren.

Einige argumentieren, Personen würden ja auch einfach Sektengruppen verlassen,
und demzufolge gebe es keinen destruktiven Einfluss. Aber diese Menschen sind
vielleicht krank geworden oder wurden ernüchtert oder einfach aussortiert. Dass
Personen entkommen, bedeutet nicht, dass es keinen destruktiven Einfluss gibt - er
wirkt nur nicht absolut. Da das authentische Selbst nicht ausgelöscht, sondern nur
unterdrückt wird, kann sich jemand immer losmachen.


2) Alles ist Bewusstseinskontrolle!

Bewusstseinskontrolle ist überall, so lautet die Argumentation - z. B. in der
Psychotherapie, in der Werbung, der Erziehung und beim - daher muss es akzeptiert
sein. Sicherlich ist es richtig, dass wir unser Leben lang beeinflusst werden. Wenn wir
verallgemeinern und sagen, alles sei Bewusstseinskontrolle, verlieren sich alle
Unterschiede.

Ein produktiveres Modell ist es, sich ein Kontinuum von Einflüssen vor Augen zu
halten: am einen Ende respektvoller, ethischer, das Wachstum fördernder Einfluss,
der den Wert von Individualität, Menschenrechten und Kreativität anerkennt; am
anderen Ende absolute Konformität, Abhängigkeit und Versklavtsein, wo jegliche
Autorität beim Führer und bei der Gruppe liegt.


3) Warum sollte ich etwas tun? Er sagt, er sei glücklich!

Es ist unvernünftig, unbesehen den scheinbaren Wert dieser Worte eines
Sektenmitglieds, es sei glücklich, zu akzeptieren. In einer Sekte wird Glücklichsein
oft als Opfer oder Leiden umdefiniert.

Jedoch spiegelt das nicht die ganze Individualität Person wider - man muss hinter die
lächelnde Maske schauen. Sagt das Mitglied, es sei glücklich, dann tut das
Sektenselbst das, was ihm beigebracht wurde.


4) Er ist erwachsen. Wir haben kein Recht, uns einzumischen!

Es ist normal, wenn es Menschen widerstrebt, sich in das Leben von Verwandten und
Freunden einzumischen. Und es heißt ja im Gesetz, dass jemand, der volljährig wird
(gewöhnlich mit 18), für seine Handlungen verantwortlich ist. Doch Sekteneinfluss
behindert die Fähigkeit einer Person, reife Entscheidungen zu treffen. Besonders am
Beginn der Sektenzugehörigkeit wissen Familienmitglieder und Freunde, dass etwas
nicht stimmt. Doch oft weichen sie zurück, wenn ein erwachsenes Sektenmitglied
sagt: "Erzähl mir nicht, was ich zu tun habe. Ich bin erwachsen. Versuche nicht, mein
Leben zu kontrollieren."  Sie erkennen nicht die Taktik dahinter, Einwände
kaltzustellen.

Die Tatsache, dass jemand strafmündig ist, bedeutet nicht, dass er wie ein
verantwortungsvoller Erwachsener handelt. Unter Hypnose kann jemand in die
Kindheit zurückgeführt werden. Er denkt, fühlt und handelt dann wie ein Kind.

Wenn ein Freund oder Angehöriger sein Recht, sich einzumischen, in Frage stellt,
erinnern Sie ihn daran, dass seine Liebe ihm das Recht gibt, besorgt zu sein. Wenn
ein Nahestehender unter destruktiven Einfluss steht, haben Verwandte und Freunde
das Recht und die Pflicht, Maßnahmen zu ergreifen, um diesen Prozess zu
unterbinden.


5) Er hat das Recht, zu glauben was er will!

In einer freien Gesellschaft dürfen Menschen glauben, was immer sie wollen. Doch
gleichzeitig sollten sie vor destruktiven Einfluss und vor Manipulation geschützt
werden. Es hat den Anschein, als würden Mitglieder wohl nach freien Willen handeln,
doch das ist eine Illusion. Wenn Personen in einer kontrollierten Umgebung
psychologischen Einflüssen - wie Gruppenkonformität oder Techniken zur
Verhaltensänderung - ausgesetzt sind, können sie dazu manipuliert werden, ein
völlig anderes Glaubenssystem anzunehmen.


6) Er ist viel zu intelligent, um zu einer Sekte zu gehen!

Viele tun sich schwer damit, dass schlaue, talentierte - oft gebildet und aus gutem
Hause - unter Kontrolle und Einfluss einer Sekte geraten konnten. Sie erkennen
nicht, dass die Sekten absichtlich schlaue Leute rekrutieren, die dann unermüdlich für
ihre Sache arbeiten. Die meisten sind idealistisch und sozialbewusst. Sie möchten
einen positiven Beitrag für die Welt leisten.


7) Er muss schwach sein oder auf der Suche nach einfachen Antworten. Er
braucht jemanden, der ihm sagt, was er tun soll!

Dies ist eine weit verbreitete, aber irrige Verallgemeinerung über Sektenmitglieder.
Menschen versuchen oft, bei Personen, die eine Tragödie durchleben, den Fehler zu
finden, indem sie dem Opfer die Schuld geben. Grundlegend für die Vorstellung von
der Gerechtigkeit der Welt ist der Glaube, dass einem Menschen, der die Regel der
Gesellschaft befolgt, nichts Böses zustoßen wird. Auf der anderen Seite werden
Personen, die gegen die Regel verstoßen, bestraft. Die Strafe äußert sich in Unglück,
Katastrophen, Krankheit und Untergang.

Ähnlich ergeht es einer Person, die Mitglied einer Sekte geworden ist. Die
Gesellschaft neigt zu der Ansicht, mit ihr etwas nicht stimme; hält den Betreffenden
für dumm, verrückt und willensschwach. Die Vorstellung, dass sich Menschen
wissentlich totalitären Sekten anschließen, ist völlig falsch. Viele wurden in einer
Zeit von Verletzlichkeit rekrutiert, ohne die Kräfte zu verstehen, mit denen man auf
sie einwirkt.

Wenn eine Person im Dschungel am Flussufer entlang geht und von einem Krokodil
ins Bein gebissen wird, dann wird man dem bedauernswerten Opfer vorwerfen, dass
sie so nahe am Wasser gegangen sei, dass ihm das Reptil etwas habe antun können.
Wenige werden sich die Zeit nehmen nachzudenken und herauszufinden, dass das
Krokodil ihm aufgelauert hat und er keine Ahnung hatte, wie nah die Gefahr war.

Nicht anders ist es, wenn jemand in die Fänge einer Sekte gerät. Der Person wird
unterstellt, sie sei auf der Suche gewesen, sei leichtgläubig und befinde sich auf
geistigen Abwegen. Die Aktion der Sekte wird bei dieser Einschätzung außer Acht
gelassen.

Zweifellos tragen viele Personen in Sekten seelischen Ballast und andere
angesammelte Probleme mit sich; die meisten tun das. Doch die Schuld für die
Sektenzugehörigkeit dem Mitglied zu geben, ist ein Fehler.


8) Wo sie ist, ist sie besser dran!

Manchmal werden die Familie, Freunde und selbst Experten für seelische Gesundheit
denken, die Person sei in der Sekte besser dran. Es mag verlockend sein, dem
zuzustimmen, besonders wenn sie mit Drogen- oder Alkoholmissbrauch aufhört oder
nicht mehr misshandelt oder sexuell missbraucht wird.

Eine Sekte kann zeitweisen Schutz vor traumatischen Lebenslagen bieten, doch ihr
anzugehören löst keine Probleme. Sie ersetzt legitime Hilfe durch unethische
Kontrolle. Destruktive Beeinflussung ist eine Form seelischen Missbrauchs. In den
Händen eines Sektenführers können diese Techniken verheerend für die Psyche eines
Einzelnen sein.

Die Sekte führt einen dissoziativen Zustand herbei und schafft eine dominante
Sektenidentität. Damit unterdrückt sie Probleme des Vorsekten- und des
authentischen Selbst. Frühere Probleme mit Angehörigen und Freunden werden
benutzt, Kontakte abzubrechen, statt früheres Leid zu lösen. Verlässt jemand die
Sekte, kommen die Probleme, welche vor dem Sekteneintritt bestanden haben, und
zusätzlich die durch die Zugehörigkeit verursachten wieder hoch.

Seriöse Programme können beim Überwinden von Drogen- oder Alkoholabhängigkeit
helfen. Diese basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sind gesünder und
sicherer als von destruktiven Sekten. Sie ermutigen den Hilfesuchenden zu
eigenständigem Denken; dazu, eigene Gefühle und Wünsche zu spüren und ohne
Indoktrination einer sinnvollen Gemeinschaft anzugehören.


9) Er wird von selbst weggehen, wenn er bereit ist!

Diese Haltung setzt voraus, das Mitglied habe die Mittel und die Fähigkeit, die Sekte
zu verlassen. Ein Schritt ist es, Ängste zu beseitigen, die das Mitglied gefangen
halten. Wichtig ist, den Prozess zu beschleunigen, denn je länger es in der Sekte
bleibt, umso größer der Schaden am Lebensgefüge.

Exmitglieder äußern oft Zorn über den Schaden an ihrer Psyche und an wichtigen
Beziehungen. Es tut ihnen Leid um verlorene Ausbildungs- und Berufsgelegenheiten.
Noch schlimmer, sie fühlen sich schuldig an den Personen, die sie anwarben, wegen
des eingesammelten Geldes und ihres unethischen Verhaltens als Mitglied. Je länger
sie blieben, desto tiefer das Bedauern. Eine passive, abwartende Haltung kann
tragische Folgen haben. Wenige haben vermutet, eine UFO-Sekte wie Heaven's Gate
ende in einem Massensuizid. 


10) Wir haben die Hoffnung verloren!

Aufgeben ist ein dysfunktioneller Bewältigungsmechanismus. Angehörige und
Freunde müssen glauben, das Mitglied werde unweigerlich die Sekte Verlassen. Sie
können ein Unterstützungsnetzwerk errichten, zu dem andere gehören, die ihrem
geliebten Menschen erfolgreich geholfen haben, zu entkommen.

Schon zu Beginn sollte man wachsam für plötzliche Veränderungen in der
Persönlichkeit von Menschen sein. Wenn der Verdacht auftritt, dass jemand im
Bekanntenkreis unter den Einfluss einer Organisation gerät, die
Bewusstseinskontrolle betreibt, sollte unverzüglich kompetente Hilfe gesucht
werden. Wie die meisten gesundheitlichen Probleme, so sind auch Sektenprobleme
umso leichter in den Griff zu bekommen, je früher sie entdeckt und behandelt
werden. 

Solange wie ein Angehöriger am Leben ist, sollte man alles in der Macht stehende
versuchen, die Person jetzt zu retten - denn es gibt nichts mehr was man tun kann,
wenn es zu spät ist.
Irrglauben widerlegen