Informationskontrolle


Information ist der Treibstoff, den unser Geist braucht, um richtig funktionieren.
Verweigert man jemandem die Information, die er benötigt, um sich ein Urteil über
etwas zu bilden, so wird er dazu nicht in der Lage sein. Menschen in Sekten sitzen
nicht nur deshalb fest, weil man ihnen den Zugang zu kritischer Information
verweigert, sondern auch, weil ihnen die richtig funktionierenden inneren
Mechanismen zu ihrer Verarbeitung fehlen. Eine derartige Informationskontrolle hat
verheerende Auswirkungen.

In vielen totalitären Sekten haben die Mitglieder praktisch keinen Zugang zu
sektenunabhängigen Zeitungen und Zeitschriften, zu Fernsehen, Radio und Internet.
Dies liegt zum Teil daran, dass sie so beschäftigt gehalten werden, dass ihnen keine
freie Zeit bleibt. Und wenn sie lesen, dann hauptsächlich sekteneigene Propaganda
oder Material, das zensiert wurde, um den Anhänger zu helfen, auf die Sache
konzentriert zu bleiben.

Die Informationskontrolle erfasst auch sämtliche Beziehungen. Die Mitglieder dürfen
miteinander niemals über etwas sprechen, was dem Führer, die Doktrin oder die
Organisation kritisiert. Mitglieder spionieren sich gegenseitig aus und berichten
ungebührliche Äußerungen oder Aktivitäten wie Kritik am Führer, an der Lehre oder
der Organisation. Diese Informationen, ebenso alles, was Mitglieder bei einer Beichte
vorbringen, kann benutzt werden, um sie zu manipulieren. 

Insbesondere sollen die Mitglieder jeden Kontakt mit Ehemaligen oder Kritikern
meiden. Diejenigen, die am meisten Informationen liefern könnten, gilt es besonders
zu meiden. Zur Informationskontrolle kann auch gehören, kritische oder negative
Ansichten zu blockieren. Einige Sekten verbieten den Mitgliedern den Zugang zu
Nichtsektenmaterial wie Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen, Radio und das Internet,
während andere subtilere Arten der Informationskontrolle haben. Einige ermuntern
die Mitglieder, Software zu verwenden, die automatisch den Zugang zu
Internetseiten Ehemaliger und von Kritikern blockiert. Manche Gruppen gehen sogar
so weit, den Briefverkehr und die Telefongespräche ihrer Mitglieder zu überwachen.

Die Informationen werden meist sorgfältig gestückelt, damit die Anhänger niemals
ein Gesamtbild erhalten. In den größeren Gruppen erzählt man den Leuten nur so
viel, wie sie wissen müssen, um ihren Job zu tun. Ein Mitglied in der einen Stadt wird
daher nicht unbedingt von einem wichtigen rechtlichen Beschluss, einer Enthüllung in
den Medien oder einem internen Disput wissen, der irgendwo anders in der Gruppe
für Aufruhr sorgt.

Die Sektenmitglieder denken natürlich, sie wüssten besser über die Vorgänge in der
Gruppe Bescheid als Außenstehende, doch man kann oftmals feststellen, dass sie am
allerwenigsten wissen.

Informationskontrolle wird in diesen Organisationen auch dadurch erreicht, dass
verschiedene Ebenen von Wahrheit geschaffen werden. Sektenideologien bestehen
aus Doktrinen für die Außenwelt und Doktrinen für die Insider. Das Material für die
Außenwelt ist meist ziemlich glatter Stoff für die allgemeine Öffentlichkeit und die
Neulinge. Die internen Doktrinen werden erst ganz allmählich, mit fortschreitender
Einbindung des Mitglieds, enthüllt.

Das Mitglied kann aufrichtig glauben, dass die externen Lehren keine Lügen, sondern
einfach eine andere Wahrheitsebene darstellen. Die Sektenführer schaffen eine Welt
mit vielen Wahrheitsebenen und machen es dem einzelnen dadurch fast unmöglich,
zu endgültigen, objektiven Einschätzungen zu gelangen. Wenn er Probleme hat,
heißt es, er sei noch nicht reif genug für die ganze Wahrheit, aber dass bald alles
klarwerden würde. Er müsse nur hart arbeiten, dann würde er sich das Recht
erwerben, in die höheren Wahrheitsebenen vorzudringen.

Aber es gibt viele innere Ebenen. Oft ist ein fortgeschrittenes Mitglied, das schon
alles zu wissen glaubt, noch mehrere Ebenen vom Kern entfernt. Frager, die zu viel
zu schnell wissen wollen, werden zurück auf ein externes Ziel dirigiert, bis sie dies
überwunden haben.