Gefühlskontrolle



Die Gefühlskontrolle zielt darauf ab, das Gefühlsspektrum einer Person zu
manipulieren und einzuengen. Schuld und Angst sind essentielle Werkzeuge, um
Menschen unter Kontrolle zu behalten. Schuld dürfte wohl das wichtigste emotionale
Druckmittel sein, um Konformität und Gehorsam zu erzeugen.

Historische Schuld (für die USA z. B. der Abwurf der Atombombe),
Selbstvorwürfe (z. B. Gedanken wie: Ich werde meinem Potential nicht gerecht),
Schuldgefühle wegen vergangener Handlungen (z. B. Ich habe beim dem Test
geschummelt) und soziale Schuld (z. B. Menschen verhungern) können alle von den
Sektenführern missbraucht werden.

Den meisten Sektenanhängern ist jedoch gar nicht bewusst, dass sie durch Schuld
und Angst manipuliert werden. Sie sind so sehr darauf konditioniert, immer nur bei
sich selbst die Schuld zu suchen, dass sie noch dankbar sind, wenn ein Leiter auf eine
ihrer Unzulänglichkeiten hinweist.

Angst wird auf zweierlei Weisen dazu benutzt, die Gruppe zusammenzuschweißen.
Erstens wird ein externer Feind kreiert, der einen verfolgt: das FBI, das einen ins
Gefängnis steckt oder umbringt; Satan, der einen mit sich in die Hölle reißt;
Psychiater, die einem Elektroschocks verpassen; bewaffnete Anhänger
rivalisierender Sekten, die einem erschießen oder foltern; und natürlich
Deprogrammierer und kritische Sektenexperten. Die Angst davor, was einem
geschieht, wenn man seine Arbeit nicht gut macht, oder die Mission nicht schnell
genug erledigt, kann sehr stark sein. Manche Gruppen reden ihren Anhänger ein,
mangelnder Einsatz würde zu einem nuklearen Holocaust oder anderen Katastrohen
führen.

Um jemanden über seine Emotionen kontrollieren zu können, müssen bestimmte
Gefühle oftmals neu definiert werden. Glück beispielsweise ist ein Gefühl, das jeder
anstrebt. Wenn nun Glück so definiert wird, dass es darin besteht, Gott näher zu sein,
und Gott unglücklich ist (was er offensichtlich in vielen religiösen Sekten ist), dann
wird man glücklich, indem man unglücklich ist. Glückseligkeit besteht also im Leid,
um Gott näher zu kommen.

In manchen Gruppen heißt Glück ganz einfach, den Weisungen des Oberhaupts zu
folgen, viele neue Mitglieder zu werben oder der Gruppe eine Menge Geld
einzubringen. Glück wird definiert als das Gemeinschaftsgefühl, das die Sekte dem
gibt, der einen guten Status genießt.

Loyalität und Hingabe sind die am meisten geschätzten Gefühle. Die Mitglieder
dürfen außer gegenüber Außenstehenden keine negativen Gefühle empfinden oder
äußern. Ihnen wird beigebracht, niemals an sich selbst oder ihre eignen Bedürfnisse,
sondern stets an die Gruppe zu denken und sich nie zu beklagen. Sie dürfen niemals
einen Führer kritisieren, immer nur sich selbst.

Viele Gruppen halten die zwischenmenschlichen Beziehungen unter totaler Kontrolle.
Führer können Mitglieder vorschreiben, bestimmte Mitglieder zu meiden oder ihre
Zeit mit bestimmten anderen zu verbringen. Manche schreiben sogar vor, wen man
heiraten darf, und kontrollieren die gesamte Beziehung bis hin zum
Geschlechtsleben.

Das Bekennen früherer Sünden oder falscher Einstellungen ist ebenfalls ein
mächtiges Instrument zur Gefühlskontrolle. Natürlich wird die alte Sünde nach dem
öffentlichen Bekenntnis nur selten wirklich vergessen oder vergeben. Sobald einer
aus der Reihe tanzt, wird sie wieder hervorgeholt und dazu benutzt, den
Betreffenden zum Gehorsam zu manipulieren. Wer sich in einer Beichtsitzung einer
Sekte wiederfindet, der sollte an folgende Warnung denken: Alles, was Sie sagen,
kann und wird gegen Sie verwendet werden. Dies kann bis zur Erpressung nach dem
Ausstieg aus der Sekte gehen.

Die wirksamste Technik zur Gefühlskontrolle ist die Erzeugung irrationaler Ängste.
Die Leute werden so konditioniert, dass sie bei dem Gedanken, die Gruppe zu
verlassen, eine panische Reaktion entwickeln: Schweißausbrüche, Herzrasen, den
intensiven Wunsch, die Situation zu vermeiden. Man redet ihnen ein, dass sie im Falle
ihrer Abkehr schutzlos dem Verderben ausgeliefert wären: Wahnsinn, Tod,
Drogensucht, Selbstmord. Für ein indoktriniertes Mitglied ist es praktisch unmöglich,
sich vorzustellen, dass es außerhalb der Gruppe sicher sein könnte.

Wenn Sektenführer gegenüber der Öffentlichkeit betonen: Die Mitglieder können
gehen, wann immer sie wollen; die Tür ist offen, dann tun sie so, als hätten die
Mitglieder ihren freien Willen und einfach gewählt, zu bleiben. Doch in Wirklichkeit
haben die Mitglieder vielleicht längst keine Wahlfreiheit mehr, weil man ihnen starke
Ängste vor der Außenwelt eingeimpft hat (Milieukontrolle). Diese bewusst erzeugten
Ängste machen es den Menschen psychologisch unmöglich, sich für den Ausstieg zu
entscheiden, nur weil sie unglücklich sind oder etwas anderes tun möchten.

Hat die Gruppe die Gefühle eines Mitglieds erfolgreich unter Kontrolle, so werden
seine Gedanken und sein Verhalten folgen.