Gedankenkontrolle



Gedankenkontrolle beinhaltet eine so gründliche Indoktrination der Mitglieder, dass
diese die Dogmatik der Gruppe verinnerlichen, ein neues Sprachsystem annehmen
und Gedankenstopp-Techniken anwenden, um ihre Geist zentriert zu halten. Um ein
gutes Mitglied zu sein, muss der einzelne lernen, seine eigenen Gedankenprozesse
zu manipulieren.

In totalitären Sekten wird die Ideologie als die Wahrheit, als das einzig gültige
Abbild der Realität verinnerlicht. Die Doktrin dient nicht nur dazu, ankommende
Informationen zu filtern, sondern auch zur Steuerung des Denkens über die
Informationen.

Gewöhnlich ist die Doktrin absolutistisch und trennt alles in Schwarz gegen Weiß, wir
gegen sie. Wir haben Recht, sie (die Außenstehenden, die Nichtmitglieder) haben
Unrecht, sind böse, unerleuchtet und so fort. Alles Gute ist im Sektenoberhaupt und
in der Gruppe verkörpert, alles Schlechte in der Außenwelt. Die extremeren Gruppen
präsentieren ihre Doktrin als wissenschaftlich fundiert. Der Weisheit des Anführers
wird ein wissenschaftliches Mäntelchen umgehängt, um seine philosophischen,
psychologischen und politischen Auffassungen einen Anstrich von Glaubwürdigkeit zu
verleihen.

Die Gruppe hat den Anspruch, alle Antworten auf alle Probleme und Situationen
bereitzuhalten. Ein Anhänger braucht nicht selbst zu denken: die Doktrin übernimmt
das Denken für ihn.

Eine totalitäre Sekte hat typischerweise ihre eigene (redefinierte) Sondersprache,
also spezielle Wörter und Ausdrücke, die mit bestimmten, von der Dogmatik
vorgegebenen Begriffsinhalten besetzt sind. Man spricht hier auch von einer
Manipulation der Sprache. Da Sprache die Symbole bereitstellt, die wir zum Denken
verwenden, unterstützt die Kontrolle über bestimmte Sprachelemente die Kontrolle
über das Denken. Die gruppeninterne Sprache erfüllt den Zweck, das Denken der
Mitglieder einzuengen und kritische Denkfähigkeit auszuschalten. 

Viele Gruppen komprimieren vielschichtige Situationen, versehen sie mit einem
sprachlichen Etikett und reduzieren sie auf diese Weise auf sektenspezifische
Klischees. Dieses Etikett, der verbal Ausdruck der besetzten Sprache, bestimmt die
Denkweise in jeder Situation.

Die begrifflichen Klischees der Sekte, die besetzte Sprache, errichten auch eine
unsichtbare Mauer zwischen Gläubigen und Außenstehenden. Die Sondersprache
trägt dazu bei, dass die Anhänger sich als etwas Besonderes fühlen, und separiert sie
von ihrem früheren Umfeld und von der Masse der Menschen. Sie dient auch zur
Verwirrung von Neulingen, die verstehen wollen, wovon die Sektenmitglieder
sprechen. Sie denken, sie müssten nur fleißig lernen, um die Wahrheit zu verstehen.
Doch durch die Annahme der besetzten Sprache lernen sie in Wahrheit nur, nicht zu
denken. Zu verstehen wird zu glauben.

Ein weiteres Schlüsselelement der Gedankenkontrolle besteht darin, die Anhänger
darauf zu trainieren, jegliche kritische Information über die Gruppe abzublocken. Die
normalen Verteidigungsmechanismen des Individuums werden dahingehend
verdreht, die neue Sektenidentität gegen die alte Identität zu verteidigen.

Die erste Verteidigungslinie beinhaltet Leugnung (Was Sie behaupten, geschieht gar
nicht), Rationalisierung (Dies geschieht aus einem guten Grund), Rechtfertigung
(Dies geschieht, weil es geschehen soll), Zurechtweisung (Wir tun doch so viel Gutes
für die Welt) und Wunschdenken im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung (Ich
möchte, dass es stimmt, also stimmt es vielleicht wirklich).

Wenn ein Sektenmitglied eine Information als Angriff auf den Sektenführer, die
Lehre oder die Gruppe empfindet, dann geht sofort eine Mauer der Feindseligkeit
hoch. Die Mitglieder werden darauf gedrillt, jede Kritik für unwahr zu halten.

So werden kritische Worte zum Beispiel im Voraus entkräftet als die Lügen über uns,
die Satan den Menschen in den Kopf setzt oder die Lügen, die die Internationale
Verschwörung in den Medien verbreitet, um uns zu diskreditieren, weil sie wissen,
dass wir ihnen auf die Schliche gekommen sind. Paradoxerweise bestätigt Kritik an
der Gruppe, dass die Weltsicht der Sekte korrekt ist. Die vermittelte Information
kommt nicht an.

Wird es gewagt, Kritik zu äußern oder sich zu beklagen, so wird der der Anführer
oder die Gruppe der Person erklären, dass sie Fehler hat und nicht die Organisation.
In diesem geschlossenen System darf nichts in Frage gestellt und an nichts
gezweifelt werden. Es darf auf keine Tatsachen aufmerksam gemacht werden, die
auf einen Widerspruch innerhalb des Glaubenssystems hindeutet. In Sekten hat der
einzelne immer Unrecht, und das System hat immer Recht. 

Die wohl geläufigste und effektivste Methode, um die Gedanken der Anhänger zu
kontrollieren, sind Gedankenstopp-Rituale. Den Mitgliedern wird beigebracht,
Gedankenstopp-Techniken bei sich selbst anzuwenden. Man erzählt ihnen, es würde
ihnen dabei helfen, persönlich zu wachsen oder effektiver zu werden. Sobald ein
Mitglied einen schlechten Gedanken verspürt, betreibt es Gedankenstopp, um die
negative Einstellung zu ertränken und sich zu zentrieren. So lernt es, alles
auszuschalten, was seine Wirklichkeit bedrohen könnte.

Diese Handlungen werden sehr mechanisch, da der Betreffende darauf programmiert
ist, sie beim leisesten Anflug von Zweifel, Sorge oder Unsicherheit sofort zu
aktivieren. Schon nach wenigen Wochen ist die Technik tief verinnerlicht. Ja, sie wird
so sehr automatisiert, dass sich derjenige meist nicht einmal mehr bewusst ist,
soeben einen schlechten Gedanken gehabt zu haben.

Während die Anhänger glauben, durch das Anwenden von Gedankenstopp-Ritualen
persönlich zu wachsen, machen sie sich in Wahrheit nur zu Süchtigen.

Gedankenstopp ist der direkteste Weg, um jemandes Fähigkeit zu umgehen, die
Realität kritisch zu prüfen. In der Tat, wenn jemand nur noch positiv über seine
Zugehörigkeit zu der Gruppe denken kann, dann sitzt er mit Sicherheit fest. Da die
Lehre und der Sektenführer vollkommen sind, wird jedes auftauchende Problem als
die Schuld des einzelnen Mitglieds betrachtet. Der Betreffende lernt, stets sich selbst
zu beschuldigen und immer mehr zu arbeiten.

Gedankenkontrolle kann wirksam jedes Gefühl abblocken, das nicht der Dogmatik
der Gruppe entspricht. Sie kann dazu dienen, den Anhänger als gehorsamen Sklaven
bei der Stange zu halten. Auf alle Fälle bedeutet eine Kontrolle über das Denken
auch eine Kontrolle über die Gefühle und das Verhalten