Fixieren


Nachdem man jemanden gebrochen und mit dem neuen Glaubenssystem
indoktriniert hat, gilt es, ihn als neuen Menschen wideraufzubauen. Ein neuer
Lebenssinn tut sich auf, und er bekommt neue Aufgaben, die seine neue Identität
konsolidieren. Auch hierbei werden wiederum viele der Techniken aus den ersten
beiden Phasen übertragen. Die Sektenführer müssen einigermaßen sicher sein
können, dass die neue Sektenidentität stark genug ist, wenn der Anhänger die
unmittelbare Sektenumgebung verlässt. Also müssen die neuen Werte und
Überzeugungen internalisiert werden.

Die erste und wichtigste Aufgabe des neuen Menschen ist, sein altes Selbst zu
verunglimpfen. Nichts ist schlimmer, als seinem Selbst zu gehorchen, außer
natürlich, wenn es das neue Sekten-Selbst ist, welches nach einigen Monaten voll
ausgeprägt ist.

Die Erinnerungen des Individuums werden verzerrt: die guten Dinge von früher
werden herabgesetzt und die Sünden, Misserfolge, Kränkungen und
Schuldgefühle aufgeblasen. Begabungen, Interessen, Hobbys, Freunde und
Familie müssen aufgegeben werden - vorzugsweise in dramatischen öffentlichen
Aktionen -, wenn sie mit dem Einsatz für die Sache konkurrieren.

Durch Beichten wird die Vergangenheit gesäubert und die Person noch stärker in
der Gruppe verwurzelt. Umso negativer die persönliche Vergangenheit
dargestellt wird, desto intensiver wird das neue Sektenmitglied beglückwünscht,
den richtigen Weg gefunden zu haben. Es dient dazu, die persönliche Geschichte
so umzuschreiben, dass die Vergangenheit in einem Ausmaß schrecklich
erscheint, dass es keinen Sinn mehr macht, zu diesem früheren Leben, zur
Familie und zu Freunden zurückzukehren.

Auch mittels der Beichte werden Mitglieder dazu gebracht, vergangenes und
gegenwärtiges Verhalten, Kontakte mit anderen und unerwünschte Gefühle
offenzulegen, angeblich um sich zu entlasten und frei zu werden. Alles, was
jemand sagt, wird jedoch dazu benutzt, um ihn oder sie in den Griff zu
bekommen, ein Gefühl der Nähe zur Gruppe und der Entfremdung von
Nichtmitgliedern zu erzeugen. Die gewonnene Information kann gegen das
Mitglied verwendet werden, damit es sich noch schuldiger, ohnmächtiger und
furchtsamer fühlt und folglich auf die Gruppe und die Gunst des Anführers
angewiesen ist. 

In der Fixierungsphase wird neue Information primär durch Lernen am Modell
vermittelt. Dem neuen Mitglied wird ein älteres zur Seite gestellt, das ihn in alles
einweihen soll. Das geistige Kind soll sein geistiges Vorbild in jeder Hinsicht
imitieren. Diese Taktik erfüllt einen mehrfachen Zweck. Das ältere Mitglied wird
zu vorbildlichem Verhalten angehalten und gleichzeitig in seinem Ego befriedigt,
und der Neuling wird motiviert, ebenfalls zu einem angesehenen Modell zu
werden, um selbst Junioren schulen zu dürfen. Die Gruppe bildet nun eine wahre
Familie des Mitglieds; die andere ist nur seine überkommene physische Familie.

Um die Fixierung der neuen Identität zu unterstützen, geben manche Sekten
ihren Anhängern einen neuen Namen. Viele Gruppen verändern den Kleidungsstil
der Person, ihre Frisur und was sie sonst noch an ihre Vergangenheit erinnern
könnte. Wie bereits erwähnt, lernen die Mitglieder auch oft, in einem besonderen
Jargon oder der besetzten Sprache der Gruppe zu sprechen.

Das neue Mitglied wird meist sehr stark unter Druck gesetzt, seine Ersparnisse
uns sonstiges Vermögen der Gruppe zu übereignen. Dies erfüllt neben der
Bereicherung der Sekte einen doppelten Zweck: Wer sein gesamtes Erspartes
spendet, kettet sich dadurch an das neue Wertesystem; gar zu schmerzlich wäre
es, sich einzugestehen, dass man einen Fehler gemacht hat. Außerdem erscheint
dadurch das finanzielle Überleben in der Welt draußen schwieriger, falls der
Betreffende jemals den Austritt erwägen sollte.

Schlafentzug, Verweigerung der Privatsphäre und Umstellung der Ernährung
werden bisweilen monatelang aufrechterhalten. Eine Versetzung des neuen
Mitglieds in eine neue Stadt, weg von der vertrauten Umgebung und den
bisherigen Einflussquellen, verstärkt die Abhängigkeit von Autoritätsfiguren in
der Sekte.

Das neue Mitglied wird so bald wie möglich für den Missionsdienst eingesetzt.
Sozialpsychologische Untersuchungen haben gezeigt, dass nichts die eigenen
Überzeugungen besser bestärkt als der Versuch, sie anderen zu verkaufen.
Frischgebackene Mitglieder auf Mission zu schicken verfestigt ihre
Sektenidentität sehr schnell.

Manche Gruppen finanzieren sich durch schwere und erniedrigende Formen des
Geldsammelns, z. B. tage- und nächtelanges Betteln. Diese Erfahrungen werden
zu einer Form des Märtyrertums und verstärken wiederum die Bindung an die
Gruppe. Jemanden im strömenden Regen auf dem Parkplatz eines Supermarkts
herumrennen und überteuerte Blumen verkaufen zu lassen ist wahrhaft ein
wirksames Mittel, einen wirklich davon zu überzeugen, was man tut!

Nach ein paar Wochen Missions- u. Sammeldienst in der Außenwelt wird das
Mitglied oft zur Reindoktrination zurückgeschickt. Dieser Zyklus kann sich über
mehrere Jahre wiederholen.

Wenn der Novize lang genug von älteren Mitgliedern geschult worden ist, kommt
schließlich der Tag, an dem man ihm selbst Neulinge anvertrauen kann. So macht
das Opfer wieder andere zu Opfern, das destruktive System wird
aufrechterhalten.