Ethikberichte

Die geschichtliche Erfahrung zeigt, dass ein charakteristisches Merkmal jeder totalitären,
dystopischen Gesellschaft jener Grad ist, in welchem Bürger sich gegenseitig ausspionieren und
sich gegenseitig den Behörden melden.

Dies war der Fall in Nazi-Deutschland, wo schon die Hitlerjugend darauf gedrillt wurde, die
eigenen Eltern und Nachbarn auszuspionieren. In der ehemaligen Sowjetunion wurden von
Bürgern jenen Personen an den Staat gemeldet, die als verdächtig, illoyal oder
konterrevolutionär betrachtet wurden. Anschließend wurde sie gefangen genommen und in die
Gulags gesteckt. Die ostdeutsche Stasi, welche als ungemein effektiver und repressiver
Geheimdienst skizziert wird, bespitzelte die Bevölkerung durch ein riesiges Netz von
Bürgerinformanten.

Big Brother is watching you! Nicht nur der große Bruder sieht dich, auch der kleine Bruder. Und
die Schwester, Eltern oder Verwandten. Orwell beschreibt es in seinem Roman 1984 deutlich:

Es war für Leute über dreißig nahezu normal, von ihren eignen Kindern Angst zu haben. Und das mit
gutem Grund, denn es verging kaum eine Woche, in der nicht in der Times ein Bericht stand, wie ein
lauschender kleiner Angeber - Kinderheld lautet die gewöhnlich gebrauchte Bezeichnung - eine
kompromittierende  Bemerkung mit angehört und seine Eltern bei der Gedankenpolizei angezeigt hatte.

Dieser Mechanismus findet sich für gewöhnlich auch in Sekten wieder. Es ist ein wichtiger Teil
der Informationskontrolle.

Merke: Die Informationskontrolle erfasst auch sämtliche Beziehunge. Die Mitglieder dürfen
miteinander niemals über etwas sprechen, was dem Führer, die Doktrin oder die Organisation
kritisiert. Die Mitglieder müssen sich gegenseitig bespitzeln und unschickliche Äußerungen oder
Aktivitäten der Führung melden.

Diese Praktik ist für Menschen in einer freien Gesellschaft so widerwärtig, dass man sich
wundern kann, wie Hubbard dieses Konzept seinen Anhänger verkauft.

Sehr geschickt.

Es wird in Form von Verantwortung und Kontrolle präsentiert - zwei Dinge, die von Scientology-
Anhängern hoch geschätzt werden. Um seine Umgebung unter einer gewissen Kontrolle zu
halten führt Hubbard aus, muss man fortwährend handeln. Hört sich bis jetzt ganz gut an. Wie
üblich legt Hubbard im Anschluss den Durchbruch basierend auf seiner "Forschung" dar:

Bei der Analyse zahlloser Gruppen, mit denen es mein Glück - oder Unglück - hatte, in
Verbindung zu stehen, habe ich letztlich EINEN Faktor isoliert, der eine tüchtige Gruppe upstat
(mit hoher Statistik) und eine hertuntergekommene downstat und grauenhaft (mit niedriger
Statistik) macht. Der bemerkenswerte Unterschied zwischen einer tüchtigen Gruppe, mit der zu
leben leben und zu arbeiten leicht ist, und einer heruntergekommenen Gruppe, mit der zu leben
und zu arbeiten schwer ist, besteht darin, dass  die einzelnen Gruppenmitglieder selbst die
Tätigkeiten und Sitten der Gruppe durchsetzen.

Das ist der Unterschied - nichts anderes.

Wird jede Person als Teil dieses internen Überwachungsnetzwerkes benannt und vertritt es,
kann jeder der aus der Reihe tanzt unverzüglich ausfindig und gehandhabt werden.

Hier ist die Karotte - eine tüchtige Gruppe, mit hoher Statistik (upstat). Und hier der Stiel:

Jeder, der von einem Vorfall des Herumbummelns wusste oder von einer Handlung Kenntnis
hatte, die destruktiv, unrichtliniengemäß oder unethisch war, und der keinen Wissensbericht
einreichte, wird bei jeder Rechtsaktion, die danach unternommen wird, zum Mitschuldigen.

Und:

Jegliche Person, die von einer Outness oder einem Verbrechen Kenntnis hatte und es unterließ,
dies zu berichten, und dadurch zu einem Mitschuldigen wurde, erhält die gleiche Strafe wie die
Person, die als eigentlicher Täter diszipliniert wird.

Es ist das Versäumnis der einzelnen Gruppenmitglieder ihre Gefährten zu kontrollieren, das es
für alle schwer macht, mit dieser Gruppe zu leben und zu arbeiten.

WISSENSBERICHTE

Der Begriff Wissensbericht wird als generelle Bezeichnung verwendet und deckt jeden
Ethikbericht ab, den ein Anhänger über einen anderen Anhänger schreiben kann. Hat ein
Mitglied Wissen über eine Straftat, muss darüber Bericht erstattet werden.

Hubbard gibt eine Liste mit verschiedenen Arten von Berichten vor, die Anhänger einbringen
sollen: Schadensbericht, Missbrauchsbericht, Verschwendungsbericht, Untätigkeitsbericht,
Nichtbefolgungsbericht, Fehlerbericht, Vergehensbericht, Verbrechensbericht, Ärgernisbericht
und viel weitere.

Leistet sich ein Mitarbeiter eine unerlaubte Rauchpause, dann sollen die anderen Mitarbeiter
über ihn einen Untätigkeitsbericht schreiben. Erreicht jemand nicht die Produktionsquote,
erhält er einen Nicht-Befolgungsbericht und so weiter.

Viel erheblicher als diese Berichte selbst, ist die dadurch erzeugte Atmosphäre. Anhänger wissen,
dass sie buchstäblich jede Minute von jedermann beobachtet werden. Der einzige Weg um in
diesem engen Korridor zu überleben ist zu gehorchen, immer auf Trab zu sein, nicht bei
Untätigkeit gesehen zu werden und immer fröhlich und produktiv zu sein. Und natürlich kein
einziges negatives Wort oder negativen Gedanken über Vorgesetzte oder die Technologie.

Im Prinzip kann auch ein Bericht über einen Vorgesetzten oder sogar Leiter geschrieben werden,
wenngleich es verpönt ist. Wird ein Wissensbericht über einen Vorgesetzten eingebracht, wird
für gewöhnlich die Person untersucht und diszipliniert, die den Bericht verfasst hat.

Die Quintessenz der Wissensberichten ist die Sicherstellung, dass sich einfache Anhänger und
Mitarbeiter gegenseitig kontinuierlich und sorgfältig beobachten, um den Ethik-Apparat
innerhalb der Organisation stetig mit Informationen zu beliefern. Wie immer profitiert bei der
"Ethik-Technologie" von Scientology die Organisation, nicht der Einzelne.

Und Wissensberichte stellen sicher, dass Anhänger über die Beobachtung und Überwachung von
Nahestehenden - ihrer Familie, Freunde und Arbeitskollegen - in Kenntnis sind.
Wissensberichte dienen nicht dazu, die operative Tätigkeit oder den Missbrauch zu korrigieren.

Das ist der Grund warum es schlussendlich fehlschlägt, diese tüchtige Gruppe hervorzubringen -
entgegen der Behauptung von Hubbard es würde. Stattdessen erschafft es eine Atmosphäre von
Zwang, Angst und Paranoia.