Ethik umdefinieren

Eine der offenkundigsten Diskrepanzen in Scientology ist es, dass trotz scheinbarer
Besessenheit mit Ethik, Anhänger oftmals Dinge machen, die normale Menschen als unethisch
betrachten - wie zum Beispiel den Ehepartner oder Eltern und Kinder aufgeben, Menschen
terrorisieren, Gefängnis ähnliche "Umerziehungslager" hinnehmen, Missbrauch und
Entbehrungen ertragen, an zwielichtigen Geschäften partizipieren, mit falschen
Versprechungen Geld rauszulocken und eine Menge anderer fragwürdiger Aktionen. Man
könnte annehmen, dass Scientology-Anhänger eine andere Definition von Ethik haben als der
Rest von uns.

Und so ist es auch.

Die normale Definition von Ethik im Wörterbuch ist "sittliche Normen, auf denen
verantwortungsbewusstes Handeln fußt". Wenn man möchte, ist es unser "moralischer
Kompass". Die innere Stimme, welche uns sagt, ob etwas richtig oder falsch ist.

Im ersten Kapitel der Einführung in die Ethik der Scientology beginnt L. Ron Hubbard mit dem
Prozess, den inneren Sinn einer Person von richtig und falsch mit seinem System der Ethik zu
ersetzen.

Um das Auftauen einer Person zu bewerkstelligen, verwendet Hubbard etwas, dass man
"Konfusionstechnik" nennen kann:

KONFUSION ERZEUGEN

Die Konfusionstechnik wurde von Milton H. Erickson (1901 - 1981) explizit und virtuos
beschrieben. Ein durch Überraschung, Verwirrung, Überladen oder durch humorvolle und
unerwartete Umdeutungen beim Klienten erzeugter, spontaner, meist sehr kurzer (leichter)
Trancezustand unterbricht rigide Muster und verringert so den Widerstand (innere Abwehr) für
die nachfolgend angebotene Suggestion. Zum Beispiel durch widersinnige Monologe oder
Reden, die zunächst den Eindruck erwecken, dass man ihnen folgen könne, dann aber das
Gegenüber mit Instruktionen oder Floskeln überlastet.

Durch die Verwirrung, die kurzzeitig erzeugt wird, gelingt es das Bewusstsein abzuschalten und
so den direkten Zugang zum Unbewussten zu erlangen. Die Person fühlt sich überrumpelt bzw.
verwirrt. Genau das ist der Punkt, wo das Bewusstsein sozusagen überfordert ist und die
Kontrolle abgibt. Dadurch, dass das menschliche Gehirn eine begrenzte Aufnahmekapazität hat,
schützt es sich bei zu vielen Informationen durch einen Trancezustand um einer Überladung
vorzubeugen.

Diese "Konfusionstechnik" ist ein Element, das Hubbard oft in seinen Schriften gebraucht. Als
erstes beschreibt er wie durcheinander und verdorben die Sache in den Händen der Außenwelt ist,
um dann zu behaupten, dass es in Scientology gelöst wurde. Es ist ein viel genutzter Pfeil im
Köcher von Hubbard. Zuerst Konfusion erzeugen, um dann, wenn der Leser unsicher oder
verwirrt ist, ihm ein "stabiles Datum" zu geben, welches man auch immer der Person glauben
machen möchte.

KONVERSATIONSHYPNOSE

Ist das manipulativ? Sehr sogar. Man muss das klischeehafte Bild von Hypnose ablegen, wo ein
Fachmann einen Gegenstand vor den Augen einer Person hin und her schwingen lässt.
Konversationshypnose bedient sich Wörter, Sprachmuster und Tonfall um Überzeugungen oder
Emotionen in einer Person zu verankern - ohne ihr Wissen oder Einverständnis und ohne das ein
tiefer Trancezustand erreicht wird. Es wird im Verkauf und in der Politik verwendet und ja, auch
in Religionen.

In einem Vortrag aus dem Jahr 1952 beschreibt Hubbard  seine eigene Konfusionstechnik
folgendermaßen:

Wenn etwas vonstatten geht, wo es sehr wichtig ist, ob die Person handelt oder nicht handelt wie
Sie es möchten, ist in einer zwischenmenschlichen Beziehung einer der schmutzigeren Tricks die
Person mit einem >Vielleicht< aufzuhängen, um Verwirrung zu erzeugen. Und dann erzeugen Sie
bis zu einem Grad  Verwirrung, wo Ihre Entscheidung tatsächlich hypnotisch eingebettet wird.

KEINE BRAUCHBARE LÖSUNG

Im ersten Kapitel der Einführung in die Ethik der Scientology bietet Hubbard ein gutes Beispiel der
Konfusionstechnik an. Nach einer oberflächlichen und simplen Zusammenfassung der
philosophischen Geschichte im Bereich Ethik und Recht, demonstriert Hubbard wie verwirrt
Pythagoras, Sokrates, Plato und Aristoteles auf diesem Gebiet waren und warum sie bei
Lösungen versagt haben:

Hubbard folgert:

Diese Kette setzte sich durch alle Zeiten fort. Ein Philosoph nach dem anderen versucht die
Fragen der Ethik und des Rechts zu lösen. Unglücklicherweise hat es bis heute keine brauchbare
Lösung gegeben, wie das Sinken des ethischen Niveaus der Gesellschaft beweist.

Sehen Sie? Verwirrung. Danach:

Man sieht also, dass es kein kleiner Durchbruch ist, der auf diesem Gebiet erzielt wurde. Wir
haben die Begriffe, deren Definition Sokrates unterließ, definiert und besitzen eine
funktionierende Technologie, die jeder anwenden kann, um sich mit ihrer Hilfe aus dem Sumpf
zu ziehen.

Man beachte die Feinheit der Suggestion: "Wir haben" eine funktionierende Technologie,
anstelle von "Ich habe". Hubbard schließt den Leser als jemand ein, welcher die Technologie
bereits in den Händen hält. Und "aus dem Sumpf" - die Idee ist bereits eingebettet, dass der Leser
in der Klemme steckt und folglich diese neue Technologie "benötigt".

Es ist verblüffend wie diese Technik funktioniert. Wir tendieren Menschen zu vertrauen. Wenn
jemand etwas bestimmt und selbstsicher erklärt (zur Erinnerung: Tonfall ist ein Teil der
Konversationshypnose), dann tendieren wir ihm zu glauben.

EINE NEUE DEFINITION VON ETHIK

Die nächste Stufe ist Veränderung:  Verändern besteht darin, dem Individuum eine neue
Identität aufzuzwingen - neue Verhaltensweisen, Denkweisen und Emotionen ... in der Phase
des Veränderns konzentriert sich diese ganze Wiederholung auf bestimme zentrale Themen.
Den Neugeworbenen wird erzählt, wie schlecht die Welt sei und dass die Nichterleuchteten keine
Ahnung hätten, wie man sie in Ordnung  bringen kann.

Hubbard beharrt darauf, dass ohne seiner "Ethik-Technologie" die Menschheit zum Scheitern
verurteilt ist.

Das Individuum, welchem es an Ethik Technologie fehlt, ist unfähig  seine eigene Ethik in
Ordnung zu bringen und sich von Handlungen, die gegen das Überleben gerichtet sind,
zurückzuhalten, und verursacht daher, dass alles über ihm zusammenbricht. Und das Individuum
wird nicht lebendig werden, außer es bekommt die grundlegende Technologie der Ethik in die
Hand und wendet sie auf sich selbst und andere an ... Dies ist eine sterbende Gesellschaft. Ethik
ist so stark hinausgefallen und wird so wenig verstanden, dass diese Kultur gefährlich schnell
dem Untergang entgegengeht.

Man ist verwirrt über Ethik und Recht, pocht Hubbard. Durch den Mangel an seiner
"Technologie" betreffend  Ethik und Recht, verfällt und zerfällt das Individuum und die
Gesellschaft. Die einzige Lösung ist es, die "Ethik-Technologie" von Scientology zu studieren
und zu lernen, diese Prinzipen zu verwenden und sich selbst dabei zu überwachen.

Hubbard führt weiter aus:

Dies ist eine brandneue Entdeckung; vor der Scientology hat es sie noch niemals irgendwo
gegeben. Diese Entdeckung markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Philosophie. Der
einzelne kann diese Technologie erlernen, kann lernen, sie auf sein Leben anzuwenden, und
kann dann seine eigene Ethik in Ordnung bringen.

Hier ist gemäß Hubbard eine "brandneue Entdeckung", um alle seine "Verwirrung" über richtig
und falsch und Ethik und Moral zu beseitigen. Einmal damit vertraut, ist man qualifiziert "seine
Ethik in Ordnung zu bringen".

Was wird also von einer Person verlangt, damit sie von Scientology als "ethisch" betrachtet wird?