Das größte Wohl

Die stärkste Barriere, um eine Person in ein neues Glaubenssystem zu indoktrinieren ist seine
persönliche Wahrnehmung von richtig und falsch. Bevor man jemanden zum Beispiel dazu
bringen kann für die Gruppe zu lügen, muss auf irgendeine Art die Überzeugung einer Person
überschrieben werden, dass Lügen falsch ist.

Merke: Gibt man Menschen Entscheidungsfreiheit, so werden sie sich voraussagbar stets für das
entscheiden, von dem sie glauben, dass es für sie das beste ist. Dabei sollten jedoch die
ethnischen Kriterien zur Feststellung dessen, was das >beste< ist, die eigenen sein, nicht die
eines anderen. Das erste, was man in einem Umfeld der Bewusstseinskontrolle verliert, ist die
Entscheidungsfreiheit ... Die Doktrin des Sektenführers wird für das neue Mitglied zum
beherrschenden inneren >Programm< für die Realität.

Hubbard hat bereits eingangs Überzeugungsarbeit geleistet, dass der Bereich Ethik außerhalb
von Scientology ein verworrenes Durcheinander ist, und das nur seine "Ethik-Technologie"
einen individuellen Leitfaden Richtung einem ethischen Leben bietet.

Als Einführungsstufe in dieses neue Ethiksystem redefiniert Hubbard nun das Konzept von
richtig und falsch.

RICHTIG UND FALSCH

Hubbard argumentiert, dass die herkömmliche Vorstellung von richtig und falsch fehlerhaft ist.
Absolut richtig oder absolut falsch sind unerreichbar, legt sich Hubbard fest. Es gibt einen
"gradientiellen Maßstab" von richtig und falsch: Begriffe wie gut und böse, lebendig und  tot,
richtig und falsch werden nur in Verbindung mit Gradientenskalen verwendet.

Anders gesagt, man denkt zu wissen was richtig und falsch ist, aber man weiß es nicht. Dieses
verschwommene Konzept eröffnet Interpretationsspielraum. Die einzige Lösung darauf, diese
starre Auffassung von richtig und falsch abzulegen, ist in Hubbards Ozean >des Vielleichts<
hinauszuschwimmen.

Wie legt Hubbard jetzt richtig und falsch fest?

DIE DYNAMIKEN

Hier präsentiert Hubbard den bedeutendsten Knotenpunkt seines Ethiksystems: Das größte
Wohl für die größte Anzahl an Dynamiken.

Hubbard unterteilt alle Existenz in acht Teile, welche er die Acht Dynamiken nennt. Diese  sind:

1) Das Selbst
2) Familie, Kinder und Sex
3) Gruppe
4) Menschheit
5) Pflanzen und Tiere
6) Physikalische Universum: Energie, Materie, Raum und Zeit
7) Der spirituelle Geist
8) Unendlichkeit oder das höchste Wesen

Um zu entscheiden ob eine Handlung richtig oder falsch ist, behauptet Hubbard, muss geschaut
werden, wie es jeder "Dynamik" nützt.

Die beste Lösung für jedes Problem ist demnach die Lösung, die den größten Nutzen für die
größte Anzahl der Dynamiken bringen würde.

Das mag sich völlig logisch anhören. Es klang folgerichtig für Jeremy Bentham (1748-1832), als
dieser erstmals die Ansicht "Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl" hervorbrachte
(Hubbard zollte Bentham natürlich keine Anerkennung). Bentham wird als Vater gesehen, dass
Utilitarismus genannt wird.

UTILITARISTISCHE ETHIK

Utilitaristische Ethik basiert auf der Idee, dass die Richtigkeit oder Falschheit einer Handlung
nur durch das Endresultat beurteilt werden kann. Es gilt das konsequentialistische Prinzip von
"der Zweck heiligt die Mittel". Menschenrechtsverletzungen im Einzelfall werden mit dem
Gesamtnutzen für das Ganze gerechtfertigt. Somit ist ein schlechtes Handeln nicht verwerflich,
insofern es zum Erreichen eines guten Ziels beiträgt.

Hubbard legt es wie folgt dar:

Es ist so, dass nichts ohne irgendeine Zerstörung aufgebaut werden kann, so wie man die
Mietskaserne abreißen muss, um Platz für das neue Appartementhaus zu schaffen ... Um gut zu
sein, muss das das Schöpferische einer Sache das in ihr enthaltene Zerstörerische übertreffen.
Ein neues Heilmittel, das hundert Leben rettet und eines tötet, ist ein annehmbares Heilmittel.

Gewiss akzeptabel für jedermann, bis auf die Familie des Verstorbenen ...

Um Hubbards Absicht hier zu verdeutlichen. Er hat die Person bereits überzeugt, dass es kein
absolut richtig und falsch gibt. Vielmehr ist es ein moralisches Gleiten auf einer Grauskala. Um
richtig und falsch genau festzulegen ist ein Zahlenspiel notwendig. Eine Art moralische Kosten-
Nutzen-Analyse, die die guten Resultate einer Handlung gegen die schlechten Resultate
aufwiegt - quer über die acht Dynamiken hinweg. Denkt man darüber nach und versucht alle 
Auswirkungen einzubeziehen, dann erkennt man, dass das so ziemlich eine Unmöglichkeit
darstellt.

Es gibt jede Menge Kritik am System der utilitaristischen Ethik. Um den Bogen zu spannen, hier
zwei Punkte die auch Scientology miteinbeziehen.

Vorne weg, wer definiert was ein gutes Resultat und was ein schlechtes Resultat ist? Ein
signifikanter Fehler der utilitaristischen Ethik ist es, dass sie oftmals von politischen und
religiösen Gruppen oder sogar von Unternehmen durchgesetzt wird, die 1) eine Agenda haben
und 2) die "gut" und "böse" gemäß ihrer eigenen Ideologie, Vorstellung und ihrem Vorteil
festlegen. Oftmals wird sie dazu verwendet um Handlungen zu rechtfertigen, die für gewöhnlich
als unmoralisch gesehen werden.

Der Gedankengang von Adolf Hitler ist leicht nachzuvollziehen, er arbeite für das "größte Wohl"
einer reinen arischen Rasse, als er die Juden abgeschlachtet hat. Wir sehen Regierungen die
Folter rechtfertigen, weil es dem "größten Wohl" der Sicherheit gegenüber dem Terror dient. Wir
sehen Fast-Food-Ketten die  Hungerlöhne bezahlen, um das "größte Wohl" der
Gewinnmaximierung für ihre Eigentümer oder Aktionäre zu erzielen.

Zweitens stellt es die falsche Prämisse auf, dass um ein "Wohl" zu erreichen, man anderes "Gutes"
opfern oder beeinträchtigen muss. Das legitimiert ziemlich alles - Lügen, Manipulation, Zwang -
solange das "vorteilhafte" Ende erreicht wird.

SCIENTOLOGY = GUT

Obwohl es in Hubbards Einführungskapiteln nicht geäußert wird, ist das Endergebnis seiner
Leitlinie "das größte Wohl für die größte Anzahl an Dynamiken" übermäßige Wichtigkeit für
Handlungen, die Scientology selbst zugutekommen.

Handlungen, welche Scientology nutzen (durch Vermehrung von Macht, Reichtum oder
Einfluss), sind  erheblich auf der Seite von "gut" bzw. "richtig" angesiedelt. Handlungen, welche
Scientology in irgendeiner Schaden zufügen, führen erhebliche Ethikverstöße nach sich.

AUFOPFERUNG

Für den einzelnen Scientology-Anhänger ist das Konzept der "Aufopferung" wesentlich. All jene
Dinge, die Scientology begünstigen werden als "größeres Wohl" erachtet, womit Handlungen die
nur dem Individuum und seiner Familie nutzen geringere Bedeutung haben. Um "Das größte
Wohl für die größte Anzahl an Dynamiken" zu erreichen wird deshalb von Anhängern erwartet,
die Ziele der ersten und zweiten Dynamik (Das Selbst und Familie) zu opfern, damit den Zielen
der dritten und vierten Dynamik (Gruppe und Menschheit) der Vorrang gegeben werden kann -
wie von Scientology konzipiert und festgelegt.

Als meine Eltern wieder in die Sea Org eintraten, wussten sie, dass sich ihre Arbeit auf die Dynamiken
drei, vier, sechs, sieben und acht konzentrieren würde. Sie glaubten, mit ihrer Arbeit jedem dieser
Bereiche zu dienen. Hätten sie sich für ihre Familie entschieden, hätten sie nur der ersten und zweiten
Dynamik genutzt ... Diese Entscheidung bot der größten Anzahl an Dynamiken das größte Wohl ... In den
meisten Religionen sind Familien und Kinder ein zentraler Bestandteil, bei Scientology hingegen müssen
sie geopfert werden. (Jenna Miscavige Hill, Mein Gehemeis Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht)

Mitglieder werden allmählich davon überzeugt, dass auf "Erste Dynamik orientierte" oder
"Zweite Dynamik orientierte" Personen herabgeblickt wird - sie als selbstsüchtig und
egozentrisch gering geschätzt werden. Der Mann, der ein neues Auto für seine Familie kauft,
anstelle einer Anzahlung für das nächste Service, wird zur Ethik geschickt. Der Mitarbeiter, der
um eine Dienstfreistellung anfragt um einem Familienfest beizuwohnen, auf den wird
herabgesehen und er wird schikaniert.

Fakt ist, selbst wenn eine Person tatsächlich diesen Weg der Denkakrobatik geht, den Nutzen
und Schaden jeder Handlung quer über alle Dynamiken errechnet, wenn die schlussendliche
Entscheidung eine wäre, die Scientology in irgendeiner Form Schaden zufügt, dann würde sie
sich Disziplinierung ausgesetzt sehen.