Das Gesetz der dritten Partei

Hubbard liebt es, seine Schriften mit der Sprache der Wissenschaft zu bekleiden. Er spricht über
"erforschen", erzielte "Durchbrüche" und der Entdeckung von "Naturgesetzen". Auch wenn seine
Forschungen vage und anekdotisch oder seine Entdeckungen unlogisch oder unsinnig sind.

Ein solcher "Durchbruch" beim Thema Ethik war sein "Gesetz der dritten Partei".

In einer Abhandlung zu diesem Thema führt Hubbard aus, dass er die Ursache für Gewalt und
Konflikt "eine sehr lange Zeit" studiert hat und er zu dem Schluss gekommen ist, dass es ein
unbekanntes Naturgesetz geben muss, welchem alle Konflikte zu Grunde liegen. Hubbard legt
dafür natürlich keinen stützenden Beweis vor und  erklärt sein neues "Naturgesetz" als versteht
sich dieser Fakt von selbst.

In jedem Streit muss eine dritte Partei vorhanden und unbekannt sein, damit ein Konflikt
existiert.

oder

Damit ein Streit eintreten kann, muss eine unbekannte dritte Partei aktiv daran arbeiten, ihn
zwischen zwei potenziellen Gegnern hervorzurufen.

In der typischen Manier von Hubbard legt er das als absolutes Gesetz dar, das in jedem einzelnen
Fall wahr ist. Er benennt ein paar nichtssagende Beispiele, die er sich selbst ausgedacht hat. In
einem geraten ein Viehzüchter und Ackerbauer in Streit. Siehe da, es stellt sich heraus, dass ein
Bankangestellter sie gegeneinander ausspielt. Klingt wie eine Verschwörung aus einem billigen
Wildwest-Schundroman.

Schon ein oberflächiger Blick auf Konflikttheorien zeigt eine Vielzahl von möglichen Gründen
auf: Konkurrenz um knappe Ressourcen, soziale Ungerechtigkeit, ethnische oder kulturelle
Differenzen, gesellschaftlicher Wandel, mangelnde Kommunikation, Unterschiede von Werten
und Moral und so weiter. Hubbard nimmt ein komplexes und nuanciertes Thema, das von vielen
Psychologen, Soziologen und Historikern eingehend studiert wurde und reduziert es auf eine
einfache Regel.

Es kommt bei Hubbard sehr oft vor, dass er widersprüchliche Aussagen aus seinen früheren
Schriften ignoriert. Zum Beispiel behauptet er in seinem Buch Dianetik, dass die einzige Ursache
von Krieg der reaktive Verstand ist. Als er im Jahr 1955 Kommunikation als universelle Lösung
vorantrieb, waren Kommunikationsprobleme der Grund für alle Konflikte. Und als er Overts und
Withholds forcierte, erklärte er das als einzigen Grund für Krieg oder anderen Streit. Jede neue
"Entdeckung" wurde "der einzige Grund für einen Konflikt". "Das Gesetz der dritten Partei"
bildet hier keine Ausnahme.

Um dieses bizarre "Gesetz" zu verstehen, muss der Blick in die Vergangenheit von Scientology
gerichtet werden. Ende der 1960er Jahre hatte Hubbard eine Menge Schwierigkeiten mit der
britischen Regierung. Studierenden Anhängern wurde die Einreise verwehrt und die Angst vor
einer Beschlagnahmung der Bücher ging um. Hubbard benötigte eine Erklärung für seine
Anhänger und er erfand die Geschichte, dass die "Psychs" (Psychiater) hinter all dem steckten. In
anderen Worten, es hat nichts mit dem anrüchigen Verhalten von Scientology zu tun. Bloß eine
Kampagne der "dritten Partei" von den Psychiatern.

Hubbard war bekannt für seine Paranoia und bildete sich ein, dass jede Kritik gegenüber seiner
Person und Scientology das Resultat einer riesigen Verschwörung ist, in der immer wieder
Psychiater beteiligt sind.

Dieser Faden zieht sich bis in die heutige Zeit durch. Als Anonymous mit dem Project:
Chanology erstmals in Erscheinung trat, erfand Scientology für ihre Gläubigen die Geschichte,
dass diese von Pharmariesen organisiert und finanziert werden.

In diesem Licht passt Hubbards "Gesetz der dritten Partei" perfekt ins Bild und erklärt warum
Scientology solch Kontroverse generiert. Nicht wegen Hubbards oder Scientologys Fehler,
sondern weil "eine dritte Partei" gegen seine Schriften und die Organisation opponieren.

Hubbards "Gesetz der dritten Partei" wird innerhalb von Scientology sehr ernst genommen.
Nicht zuletzt verfasste er zusätzlich noch den Abriss Wie man die dritte Partei findet.

Es kultiviert eine paranoide Denkweise innerhalb von Scientology. Geraten zwei Mitarbeiter in
Streit, wird, noch ohne sich mit eine anderen  Art der Konfliktlösung zu beschäftigen, oftmals
vom Ethik-Officer eine Hexenjagd gestartet, um diese dritte Partei zu finden.

Ist ein einfacher Anhänger mit einem Dienstälteren in Streit, dann muss eine unterdrückerische
Person oder Gruppe diesen Konflikt schüren. Es kann definitiv nicht sein, dass ein Dienstälterer
oder die Organisation eine Missetat begannen hat, da davon ausgegangen wird, dass beide in
jedem Disput schuldlos sind. Somit beginnt eine Hexenjagd, um die unterdrückerische Partei zu
finden.

Später wurde dieses Prozedere, bekannt als "rollback",  ausgedehnt. Ein "rollback" ist ein Ethik-
Verfahren, um bestimmte Situationen zu durchleuchten, die Scientology Schaden zufügten oder
schaden könnten. Zweck ist es herhauszufinden, wer Scientology-Feindliches erzählt oder
verbreitet hat? Eine solche feindliche Propagandalinie ist jede kritische Äußerung über
Scientology und muss eliminiert werden. Anhänger lernen sehr schnell ihren Mund zu halten
und ihre kritischen Meinungen für sich zu behalten.

"Die dritte Partei" für Scientology ein handliches "Gesetz". Es entmutigt Anhänger sich zu
beschweren und es ermöglicht Scientology jede Schuld für Kritik auf eine Konspiration von
"Unterdrückern außerhalb" zu schieben. Viel lieber, als die Wurzel alles Übels innerhalb der
Organisation zu suchen.