Auftauen: Eine Person aufbrechen



Um jemanden auf eine radikale Veränderung vorzubereiten, muss man zunächst
seine Realität erschüttern. Seine Indokrinatoren müssen ihn desorientieren. Seine
Bezugssysteme für das Verständnis der eigenen Person und der Umwelt müssen in
Frage gestellt und niedergerissen werden. Eine derartige Erschütterung der
Realitätssicht entwaffnet die natürlichen Schutzmechanismen einer Person gegen
Konzepte, die ihre Realität in Frage stellen.

Die heutigen Techniken sind darauf angelegt, das Selbstgefühl einer Person zu
destabilisieren, indem Bewusstsein, Realitätswahrnehmung, Glaubenshaltungen
und Weltanschauung, emotionale Kontrolle und Abwehrmechanismen
unterminiert werden. Diese Attacke auf den innersten Kern der Person, auf das
Selbstkonzept eines Menschen und auf seine Fähigkeit der Selbsteinschätzung ist
der entscheidende Hebel - das Selbstvertrauen wird ausgehöhlt.

Dieses Aufbrechen lässt sich mit verschiedenen Methoden erwirken.
Physiologische Desorientierung kann sehr effektiv sein. Schlafentzug ist eine der
meistverwendeten und wirksamsten Techniken, um jemand zu destabilisieren.
Auch eine Änderung der Ernährung und der Essgewohnheiten kann
desorientierend wirken. Manche Gruppen benutzen eine proteinarme,
zuckerreiche Nahrung oder längere Unterernährung zur Destabilisierung. Am
besten lässt sich das Aufbrechen in einer total kontrollierten Umgebung
vollziehen, z. B. auf einem abgelegenen Landsitz. Aber es funktioniert auch an
leichter zugänglichen Orten, wie einem Hotel-Ballsaal.

Hypnotische Prozesse sind ein weiteres mächtiges Instrument, um jemanden
aufzubrechen und seinen Schutzmechanismus zu umgehen. Eine besonders
effektive Hypnosetechnik arbeitet mit gezielter Verwirrung zur Einleitung eines
Trancezustandes. Verwirrung entsteht gewöhnlich dann, wenn widersprüchliche
Informationen in kongruenter Form kommuniziert werden, z. B. wenn der
Hypnotiseur mit autoritärer Stimme sage: Je mehr Sie versuchen zu verstehen,
was ich sage, desto weniger werden Sie jemals in der Lage sein, es zu verstehen.
Verstehen Sie?

Das Ergebnis ist ein vorübergehender Verwirrungszustand. Bei mehrmaligen
Lesen mag die Aussage schließlich einen Sinn ergeben. Doch wenn sich jemand
lange genug in einer kontrollierten Umgebung aufhält, in der er mit derart
verwirrender Sprache und Informationen konfrontiert wird, so wird er häufig
seine kritische Vernunft ausblenden und sich an das anpassen, was er bei allen
anderen sieht. In einer solchen Umgebung tendieren die meisten Menschen dazu,
an sich selbst zu zweifeln und sich der Gruppe zu fügen. (Asch-Experiment).

Die meisten Leute wissen nicht, dass Hypnose ganz einfach und subtil erfolgen
kann, ohne die spektakulären Befehle, die Hypnotiseure auf der Bühne anwenden.
Sie können dazu gebracht werden, sich völlig auf eine bestimmte imaginierte
Szene zu konzentrieren und dabei leise und unauffällige Suggestionen
aufzunehmen. Es dauert nicht lange, und man schaltet das kritische Denken ab
und fällt in eine milde, vorübergehende Trance. Mit Hilfe dieser gezielt
eingesetzten Strategie können Neulinge und Mitglieder in veränderte
Bewusstseinszustände versetzt werden, die dazu beitragen, dass sich ihr Denken
unmerklich verengt.

Tranceartige Zustände können sich beim Eintauchen in Geschichten, die man liest
oder hört, und bei starker Konzentration einstellen. Wenn unsere
Realitätsorientierung geschwächt ist, dann sie wir sowohl zugänglicher für
Einflüsse von außen wie für Phantasien, die von innen aufsteigen. Viele Sekten
lassen ihr Mitglieder häufig Dinge tun, die Trance induzieren.

Nachgewiesen ist das für bestimmte Arten von Vorträgen und Predigten und für
bestimmte geforderte Tätigkeiten wie langdauerndes Chanting oder endlose
Meditation und repetitive Verhaltensroutinen. Trancezustände können auch ein
unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Gruppenübungen und einer spezifischen
Verwendung der Sprach sein.

Sensorische Überlastung, ebenso wie sensorische Deprivation, ist ebenfalls
geeignet, jemanden aus dem Gleichgewicht zu werfen und ihn empfänglicher für
Suggestionen zu machen. Man kann jemanden schneller, als er es verdauen kann,
mit emotionsgeladenem Material bombardieren. Es entsteht ein Gefühl des
Überwältigtseins. Der Geist stellt auf Neutral und hört auf, das einströmende
Material zu bewerten. Der Neuling mag dies für einen spontanen inneren Vorgang
halten, doch in Wirklichkeit ist er von der Gruppe gezielt herbeigeführt.

Andere hypnotische Techniken, z. B. die Doppelbindung, eine Form der paradoxen
Beziehungsgestaltung, können dazu benutzt werden, den Realitätssinn einer
Person zu erschüttern. Mit dem Kommunikationsmuster der Doppelbindung kann
man eine Person dazu zwingen, das zu tun, was der Befehlsgeber will, während
man ihr gleichzeitig die Illusion einer Wahlmöglichkeit vermittelt.

So könnte ein Sektenführer sagen: Diejenigen unter euch, die anzweifeln, was ich
euch sage, sollten wissen, dass ich es bin, der euch diese Zweifel in den Kopf
setzt, damit ihr die Wahrheit erkennen könnt, dass ich der wahre Lehrer bin. Der
Angesprochene mag dem Führer nun glauben oder Zweifel hegen, beide
Ausgangspositionen sind abgedeckt.

Ein anderes Beispiel für eine Doppelbindung ist eine Aussage wie: Wenn Sie
zugeben, dass es in Ihrem Leben Dinge gibt, die nicht richtig laufen, dann geben
Sie diesen Dingen Gewalt über Ihr Leben, wenn Sie nicht an dem Seminar
teilnehmen. Mit anderen Worten, allein ihre Anwesenheit beweist, dass sie
unfähig sind zu beurteilen, ob sie bleiben oder gehen sollen.

Übungen wie Meditation unter Anleitung, persönliche Beichte, Gebetssitzungen,
energische Gymnastik oder sogar gemeinsames Singen können das Aufbrechen
ebenfalls unterstützen. Diese Aktivitäten beginnen meist ganz harmlos, werden
aber im Verlauf des Workshops oder Seminars immer intensiver und gezielter
gelenkt. Sie werden fast immer in Gruppen ausgeführt, was die Verweigerung der
Privatsphäre unterstützt und den Wunsch des einzelnen durchkreuzt, einmal für
sich zu sein und nachzudenken.

In diesem Stadium des Aufbrechens, wenn die Leute allmählich weich werden,
bombardieren sie die meisten Sekten mit der Idee, sie hätten irgendeinen
schlimmen Makel - sie seien nicht fähig, psychisch krank oder spirituell gefallen.
Jedes Problem, das für den Betreffenden relevant ist, ob es nun schlechte
Leistungen in der Schule oder im Beruf, Übergewicht oder Beziehungsprobleme
sind, wird aufgeblasen und aus jeder Dimension gehoben, um zu beweisen, wie
total kaputt derjenige sei. Manche Gruppen können in ihren Angriffen auf
einzelne sehr boshaft sein und demütigen sie oft vor allen anderen.

Hat man jemanden gebrochen, dann kommt die nächste Phase.