Keiner von uns ist dagegen gefeit, von einer Sekte angeworben zu werden. Es gibt so
viele Sekten, die ständig Ausschau halten nach neuen Mitgliedern, sie treten in so
vielen Masken auf und ziehen so viele Maschen ab, dass es bestimmt auch für Sie
eine passende Sekte gibt. Egal, wie alt Sie sind, welche Interessen oder welchen
Lebensstil Sie haben, sich auf eine Sekte einzulassen ist so leicht, wie einen
Bibliotheksausweis ausgestellt zu bekommen.

Jede Gruppe entwickelt ihre eigenen Anwerbemethoden vom persönlichen Kontakt
bis zur Werbung an Kiosken, in Zeitungen und Zeitschriften, ja sogar in Radio und
Fernsehen. Inhalte und Methoden mögen sich unterscheiden, in einem sind sie alle
gleich: Es wird mit skrupelloser Täuschung gearbeitet. Der Charakter der Gruppe
wird ebenso verheimlicht wie die Tatsache, dass es darum geht, Sie als Mitglied zu
werben.

Es gibt viele verschiedene Wege, wie Menschen in die Fänge einer Gruppe geraten
können, die mit Bewusstseinskontrolle operiert. Da sich totalitäre Gruppen gezielt
Menschen aussuchen, die intelligent, talentiert und erfolgreich sind, haben die
Sektenmitglieder eine große Überzeugungs- und Anziehungskraft für Neulinge.
Tatsächlich dürfte von der schieren Zahl überzeugter, engagierter Anhänger, denen
der Neuling begegnet, eine viel stärkere Anziehungskraft ausgehen als von jeder
Doktrin oder Struktur. Die großen Sekten beweisen, dass sie sich darauf verstehen,
ihre Verkäufer gut zu schulen. Sie indoktrinieren ihre Mitglieder so, dass diese nur
die besten Seiten der Organisation offenbaren. Den Mitgliedern wird beigebracht,
sämtliche negativen Gefühle in Bezug auf die Gruppe zu unterdrücken und stets ein
lächelndes, glückliches Gesicht zu zeigen.

Sektenmitglieder werden geschult, potenzielle Mitglieder mit Hilfe raffinierter
Überzeugungstechniken anzuwerben. Dar wir alle soziale Wesen sind, sind die
meisten von uns bereit, gutaussehenden Menschen zuzuhören, vor allem, wenn sie
uns freundlich ansprechen, uns vielleicht Hilfe anbieten und begeistert über das
sprechen, woran sie glauben.

Der Normalbürger hat wenig Chancen, ein solches System zu durchschauen. Er weiß
nichts über Bewusstseinskontrolle. Er weiß nicht, wie verschieden die einzelnen
Sekten operieren. Er weiß nicht, welche Fragen er stellen und auf welche
Verhaltensweisen er achten muss. Ohne viel zu wissen, geht er davon aus, dass er
niemals in den Sog einer solchen Gruppe geraten kann. 

Die Leute glauben, dass ihnen so etwas nie passieren könnte, denn sei möchten sich
für stärker halten als die Millionen Menschen, die der seelischen Manipulation durch
totalitäre Sekten zum Opfer gefallen sind. Doch unser Bedürfnis, uns für
unverwundbar zu halten, ist eigentlich eine Schwäche, die leicht von Sektenwerbern
ausgenutzt werden kann. So könnte ein Werber zum Beispiel sagen:

"Du bist doch ein intelligenter und bodenständiger Mensch. Du würdest dich doch von niemanden
zu etwas zwingen lassen, was du nicht willst. Du entscheidest gern für dich selbst. Also wirst du
dich doch nicht von den tendenziösen Medien mit ihren absurden Vorwürfen abschrecken lassen.
Dafür bist du viel zu gescheit. Wann möchtest du also einmal zu dem Vortrag kommen?"

Der wirksamste Schutz gegen Sektenwerber ist, sich über die Methoden und
Taktiken, mit denen sie versuchen Menschen einzufangen, zu informieren, sodass
diese durchschaut werden können.

Es gibt drei Hauptgründe, warum intelligente und aufgeklärte Personen in Sekten
hineingezogen werden. Erstens besteht ein um sich greifender Mangel an Kenntnis
über Sekten und destruktiven Einfluss. Zweitens: Ganz übliche Lebenslagen (wie
weiter unter beschrieben) machen Menschen empfänglicher für Einfluss und eine
mögliche Anwerbung. Und schließlich haben einige Personen psychologische Profile,
die eine Anwerbung erleichtern. Jemand ohne kritisches Denken ist ein leichteres
Ziel; wer von der Bestätigung durch andere abhängig ist, ist verletzlicher gegenüber
dem Druck von Sektenanwerbern; jemand mit guter Konzentration und lebhafter
Einbildung ist empfänglicher für hypnotische Suggestion; von Mitgliedern einer
Gruppe angesprochen zu werden, deren vermeintliches Ziel es ist, eine Welt ohne
Verbrechen, ohne Armut und ohne Leid auf Erden zu erschaffen, kann den
idealistischen Anteil einer Person aktivieren. 


Die Rekrutierung läuft in vier Stufen ab:

1) Kontakt mit einem Anwerber der Sekte.

2) Einladung an einem schönen Ort, zu einem besonderen Ereignis oder einer
wichtigen, vielversprechenden Begegnung.

3) Erster Kontakt mit der Sekte, bei dem Ihnen das Gefühl gegeben wird, dass
man Sie schätzt und gerne dabei hat.

4) Nachfassen mit Einsatz psychologischen Beeinflussungstechniken, die
sicherstellen, dass Sie bald wiederkommen und sich zunehmend mehr an die
Gruppe binden.

Angeworben und besonders anfällig sind Menschen in Situationen während eines
Übergangzustandes in persönlichen Beziehungen, im Beruf, in der Ausbildung oder
Leben im Allgemeinen. Wenn wir aufgrund eines Verlustes oder einer Enttäuschung
depressive Verstimmungen haben, sind wir für Überzeugungsversuche und
Suggestion empfänglich.

Wir sind für die Beeinflussung durch Sekten besonders empfänglich, wenn wir nicht in
einer Partnerbeziehung, einem Beruf oder einem sonstigen wichtigen Lebensbereich
engagiert oder darin sehr unzufrieden sind. Sekten zielen auf verletzliche Menschen,
die Täuschungsmanöver weniger leicht durchschauen. Eine deprimierte und
vorübergehend sozial nicht eingebundene Person geht eher auf die Angebote eines
Sektenwerbers ein, besonders dann, wenn das Angebot persönliche Interessen
anspricht.

Jeder von uns kann in einer bestimmten Lebensphase in einen verletzlichen Zustand
geraten, in dem eine andere Person mehr Einfluss auf ihn gewinnt als sonst. Jeder
von uns ist anfälliger für Schmeichelei, Täuschung und Verführung, wenn er einsam,
traurig und bedürftig ist. Und wir können uns in solchen Perioden vorübergehender
Verletzlichkeit gegen gezielt angesetzte Manipulation und Suggestionen viel weniger
wehren. In solchen Zeiten ist jeder von uns eher bereit, sich auf etwas einzulassen,
ohne das Netz zu sehen, in dem er sich verstricken könnte.

Sekten rekrutieren überall und Personen werden in folgenden, wesentlichen Arten
angesprochen:


1) Durch einen Freund oder Verwandten, der bereits ein Mitglied ist.
2) Durch einen Fremden, der sich mit einem anfreundet (oft vom anderen
Geschlecht).
3) Durch eine von der Sekte gesponserten Veranstaltung (Vortrag, Seminar,
Symposium oder Film).
4) Durch Werbung angelockt (z. B. auf Messen mit eigenen Ständen), ein
Sektenbuch zu kaufen, das als "Bestseller" beworben wird.
5) Durch eine Einladung per Post zu einer scheinbar harmlosen "Bibelstunde".
6) Durch Neugierde auf eine Kleinanzeige, Flyer oder Poster.
7) Durch Anwerbung in der Arbeitsstelle, wenn Sie bei einer sekteneigenen Firma
anfangen.


Sehr oft ahnt der Angesprochene gar nicht, dass er angeworben wird. Der Freund
oder Verwandte hat einfach einige sagenhafte Einsichten gewonnen und Erfahrung
gemacht und möchte diese mit Ihnen teilen. Das Ganze könne man nicht beschreiben
oder erklären - man müsse es erfahren oder spüren.

Untersuchungen über Sektenanhänger und Ehemalige haben gezeigt, dass die
meisten von ihnen in einer schwierigen (Stress)Phase in ihrem Leben angesprochen
wurden. Diese Phase ist oft durch einen größeren Umbruch verursacht: Umzug in eine
andere Stadt, eine neue Stelle, eine gescheiterte Beziehung, finanzielle
Schwierigkeiten, Tod eines geliebten Menschen. In solchen Situationen sind die
Schutzmechanismen der Menschen häufig überlastet oder geschwächt. Wenn sie
nicht wissen, wie sie totalitäre Sekten erkennen und meiden können, sind sie leichte
Beute.

Es ist wichtig zu erkennen, dass eine Anwerbung nichts ist, was einfach passiert.
Vielmehr ist es ein Prozess, der einem durch andere aufgezwungen wird, den ein
Anwerber der Sekte in Bewegung setzt.

Vollblutgeschäftsleute, ständig unter Konkurrenzdruck und getrieben vom
Erfolgszwang, werden von Kollegen angeworben, die ihnen von dem unglaublichen
Nutzen des Kurses erzählen. Studenten, die unter dem Druck ihrer akademischen
Arbeiten stehen und Anerkennung suchen, freunden sich mit einem professionellen
Werber an oder gehen zu einem Vortrag der Gruppe über irgendein aktuelles
gesellschaftliches Thema. Eine Hausfrau, die das Bedürfnis hat, etwas mit ihrem
Leben anzufangen, folgt dem Beispiel einer Freundin und kauft sich in einen
pyramidenförmig organisierten Haushaltswarenvertrieb ein.

Wie immer auch die Annäherungstaktik aussieht, irgendwann wird der persönliche
Kontakt hergestellt. Der Werber versucht nun, alles über den zu Werbenden in
Erfahrung zu bringen - seine Hoffnungen, seine Träume, seine Ängste, seine
Beziehungen, seinen Beruf, seine Interessen. Je mehr Informationen er entlocken
kann, desto besser werden seine Chancen, den Betreffenden zu manipulieren. Der
Anwerber gibt sich harmlos, strahlt keine Bedrohung aus und wird mit diesen
Informationen dann den Eindruck erwecken, dass beide ähnlich denken und viel
gemeinsam haben.

In dem potenziellen Mitglied entsteht ein Gefühl von Resonanz mit dieser netten
Person, die ihm so viel Interesse und Zuwendung entgegenbringt. Der Anwerber
spiegelt die Interessen und Einstellungen seines Gegenübers, ob es sich nun um
Spiritualität, Ernährung, politische Veränderung, Musik oder sonst was handelt. Er
zeigt dann, dass er auf diesem Feld etwas anzubieten hat und spricht eine
großzügige Einladung zu einem Vortrag, einem Kurs oder einem Essen aus.

Die Thematik von Kursen, die zum Ködern neuer Mitglieder dienen ist breit gestreut:
"Verbesserung der Kommunikation". "Wissenschaftliche Methoden zur
Stressreduktion in Ihrem Leben". "Wie sie Ihr Leben in den Griff bekommen".  Die
Angebote sind so formuliert, als hätte sich die Gruppe speziell dazu gebildet, um Ihr
persönliches Wohl zu fördern.

Viele ehemalige Mitglieder sprechen vom "ersten fatalen Schritt". Im Rückblick sehen
sie, dass aufgrund verschiedener Umstände dieses erste Annehmen einer Einladung
der Anfang von Wochen, Monaten oder Jahren in einer Sekte war. In den meisten
Fällen werden Zielepersonen dazu gedrängt, sofort an irgendetwas teilzunehmen.
Der Anwerber sagt, die Veranstaltung sei absolut passend für die Person und gibt ihr
keine Zeit zu überlegen, ob sie wirklich hingehen will.

Der Werber legt sich nun eine Strategie zurecht, wie er die Zielperson Schritt für
Schritt in die Gruppe locken kann. Dazu können etwa gehören: überschwängliches
Lob und Schmeicheleien (Love Bombing), Bekanntmachen mit einem anderen
Mitglied mit ähnlich gelegenen Interessen und einem ähnlichen Hintergrund,
bewusste Täuschung über die Gruppe, Ausweichmanöver, um Fragen nicht zu
beantworten.

So können Neulinge in Wochenendhäuser, in versteckte Einrichtungen der Sekte, zu
Workshops in einsamen Gegenden und an alle möglichen anderen Orte mit der
Absicht gebracht werden, sie von ihrem normalen sozialen Umfeld zu isolieren. Die
Führer von Sekten und anderen Gruppen wissen, dass ein solcher Ortswechsel eine
sehr wirksame Methode ist, eine schnelle Verhaltensänderung zu erreichen.
Abgeschnitten von sozialer Unterstützung, dem sozialen Hintergrund, der Familie,
der gewohnten Umgebung und Freunden, können nur wenige dem Anpassungsdruck
in einer neuen fremden Umgebung widerstehen.

Zusätzlich wird der Neuling mit bewährten Mitgliedern umgeben. Nicht nur sind diese
erfahrenen Mitglieder darauf trainiert, das potenzielle Mitglied mit Zuwendung
einzuseifen, sondern sie erzählen stolz von den Freuden der Mitgliedschaft, der
Überlegenheit des neuen Glaubenssystems und der Einzigartigkeit des Anführers.

Viele Gruppen arbeiten mit der Taktik, dass ältere Mitglieder die Neumitglieder
unter ihre Aufsicht nehmen und trainieren. Sie werden nie allein gelassen und
können sich deswegen mit anderen Mitgliedern nie frei aussprechen. Die
Umerziehungsatmosphäre, verstärkt durch das Vorbildhalten älterer Mitglieder,
lassen dem Neumitglied keinerlei Raum, die Situation zu hinterfragen oder Kritik am
System zu äußern. Es gibt keine Gelegenheit, Zweifel oder negative Gefühle
auszusprechen, zu überprüfen oder gar Unterstützung dafür zu finden. Jede Sekte
macht Neumitgliedern unmissverständlich klar, dass nichts Negatives geäußert
werden darf.

Heutzutage kann jeder in eine totalitäre Sekte geworben werden. Auch ältere
Menschen können angeworben werden, die gerne um gewaltige finanzielle Beiträge
gebeten oder für PR-Statements benutzt werden. Dennoch stellen nach wie vor
junge Menschen das Gros der Fronarbeiter. Sie können weniger schlafen, weniger
essen und mehr arbeiten.

Viel zu oft hört man Leute sagen: "Keiner könnte mich überreden, einem solchen Verein
beizutreten!" Richtig, reden allein ist nicht sehr verführerisch, aber Charme und
Schmeichelei sind es!

Die meisten Menschen haben schon Erfahrungen gemacht, einmal von jemanden dazu
gebracht worden zu sein, irgendwo hinzugehen, etwas zu tun oder zu glauben, was
sich später als Masche herausgestellt hat. Unter dieser Hinsicht kann der
Rekrutierungsprozess angesehen werden, um ein wenig besser zu verstehen, was
geschieht.

Interessant ist, dass Sekten es generell vermeiden, Menschen zu werben, die eine
Belastung für sie sein könnten, z.B. Menschen mit ernsthaften emotionalen und
psychologischen Problemen. Sie wollen Leute, die dem zermürbenden Alltag in der
Sekte gewachsen sind. Wenn ein neues Mitglied Drogen nimmt, dann wird es vor die
Alternative gestellt, aufzuhören oder die die Gruppe zu verlassen. Außerdem gibt
fast keine Menschen mit Handicaps in Sekten, denn es kostet Zeit, Geld und Mühe,
sich um sie zu kümmern.

Ob es uns gefällt oder nicht - jeder ist für Anwerbung angreifbar, und durch
Bewusstseinskontrolle verletzlich. Jeder will glücklich sein. Jeder braucht Liebe und
Zuneigung. Jeder strebt nach etwas Besserem im Leben: mehr Weisheit, mehr
Wissen, mehr Geld, mehr Status, mehr Sinn, bessere Beziehungen, bessere
Gesundheit. Genau auf diese grundlegenden menschlichsten Eigenschaften und
Sehnsüchte spekulieren die Sektenwerber. Man muss sich immer wieder klarmachen,
dass in den meisten Fällen die Leute nicht den Sekten beitreten: Die Sekten werben
die Leute an.

Was macht uns alle so verwundbar für diese Einflussprozesse? Die Antwort liegt in
der Natur des menschlichen Geistes selbst. Er hat bemerkenswerte Fähigkeiten der
kreativen Anpassung und Reaktion auf die Bedürfnisse einer Person ebenso wie auf
eine Umgebung. Unser Verstand filtert jede Sekunde eine riesige
Informationsmenge, so dass wir uns mit den Dingen auseinandersetzen könne, die
wir für wichtig erachten.

Unser Geist speichert eine Unmasse Informationen in Form und Bildern, Geräuschen,
Gefühlen, Gerüchen. Systematisch wird all diese Information in sinnvoller Weise
verknüpft. Unsere Selbstwahrnehmung entwickelt sich mit den Jahren der
Lebenserfahrung. In dem Maße, wie wir wachsen und uns verändern, ändert sich auch
unser Verständnis von uns selbst und der Welt. Unsere Überzeugungen sind das
wichtigste Mittel zur Informationsverarbeitung und bestimmen unser Verhalten.

Wir verfügen über ein gewisses Maß an bewusster Kontrolle, aber noch viel mehr
wird unbewusst gesteuert. Das Bewusste hat nur einen sehr begrenzten
Zuständigkeitsbereich. Alles andere wird vom Unbewussten übernommen, wie etwa
die Regulation sämtlicher Körperfunktionen. Man stelle sich vor, man müsste seinem
Herzen jede Minute 72mal sagen, dass es schlagen soll - man hätte nie mehr Zeit für
irgendetwas anderes! Das Unbewusste ist der primäre Informationsverwalter.

Es ist unser kreatives Unbewusstes, das uns dazu befähigt, geistige Bilder zu
erzeugen und sie als real zu erleben. Durch Hypnose lassen sich in unserem Kopf aber
auch Phantasien erzeugen, mit denen man uns zu Sklaven machen kann.

Unser Geist löscht mit dem Älterwerden die früheren Erinnerungen nicht aus: Er
überlagert sie sehr systematisch mit neuen Erinnerungen. Es ist kein Zufall, dass
viele Sekten ihren Mitgliedern sagen, sie sollen wie kleine Kinder werden. Man kann
einen erwachsenen Menschen leicht in ein Alter zurückversetzen, in dem er wenig
oder gar kein kritisches Urteilsvermögen besaß. Als Kinder waren wir vollkommen
auf unsere Eltern als die höchsten Autoritätsfiguren angewiesen.

Bei all seinen Stärken und Fähigkeiten hat unser Geist allerdings auch gewisse
Schwächen. So ist er auf kohärenten Informationsfluss angewiesen, um richtig zu
funktionieren. Wenn man jemanden in einen Raum steckt, in dem er von sämtlichen
Sinnesreizen abgeschirmt ist (sensorische Deprivation), so wird er schon nach
wenigen Stunden zu halluzinieren beginnen und ungeheuer suggestibel werden.
Ebenso wird sich der Verstand in einer Situation, in der die Sinne mit inkohärenten
Informationen überreizt werden, zum Schutz gewissermaßen selbst betäuben. Er
wird verwirrt und überwältigt, und die kritischen Fähigkeiten funktionieren nicht
mehr richtig. Gerade in diesem geschwächten Zustand werden Menschen dann sehr
leicht von anderen beeinflussbar.

Unser Verstand braucht Bezugsrahmen, um die Wirklichkeit zu strukturieren. Ändert
man den Bezugsrahmen, so wird eine ankommende Information anders interpretiert.
Blendet man die kulturelle Bedeutung des jüdischen Rituals der Beschneidung aus, so
wird es zu einem Angriff auf ein wehrloses männliches Kind. Unser System von
Überzeugungen ermöglicht es uns, Informationen zu interpretieren, Entscheidungen
zu treffen und gemäß unseren Überzeugungen zu handeln. Menschen, die in die
Mühle der Bewusstseinskontrolle geraten, haben meist keinen Bezugsrahmen für
diese Erfahrung und akzeptieren daher oft den von der Gruppe vorgegebenen.

Wenn wir Entscheidungen treffen, gründen wir sie in der Regel auf Informationen,
die wir für wahr halten. Wir haben nicht die Zeit, jede einzelne eingehende
Information zu verifizieren. Würden wir allem misstrauen, dann wären wird paranoid.
Würden wir andererseits allem und jedem vertrauen, so wären wir naiv und würden
ein Leben lang ausgenutzt. Daher versuchen wir, unsere Leben in einer
Ausgewogenheit von Skepsis und Vertrauen zu leben.

Schwindler sind professionelle Lügner. Ihr größtes Kapital sind ihr Äußeres und ihr
schauspielerisches Talent. Die meisten Opfer von Betrügern sagen, dass sie
demjenigen vertrauten, weil er (oder sie) gar nicht wie ein Verbrecher aussah. Sie
strahlen eine Menschlichkeit aus, die es ihnen ermöglicht, die Schutzmechanismen
ihrer Opfer zu umgehen. Sie sind meist sehr redegewandt, machen aber keinen allzu
gewieften Eindruck. Das würde sie verraten. Ein Betrüger will das Ziel eintaxieren,
seinen Betrug durchziehen, das Geld kassieren und sich aus dem Staub machen.

Sektenwerber benutzen oft die gleichen Taktiken, nur dass sie einen zum Beitritt
bewegen wollen. Fast alle von ihnen waren selbst einmal Opfer. Sie glauben, Ihnen
damit wirklich etwas Gutes zu tun. Doch sie wollen etwas, das viel wertvoller ist als
Ihr Geld. Sie wollen Ihre Seele! Am Ende kassieren sie natürlich auch Ihr Geld. Aber
sie machen sich nicht aus dem Staub wie gewöhnliche Verbrecher. Im Gegenteil, sie
wollen, dass Sie zu ihnen ziehen. Nicht nur das, sie wollen auch, dass Sie anderen das
Gleiche antun.
Anwerbung: So wird es gemacht